— 173 —
Das Gewissen seiner Zeitgenossen wachzurufen, schienCarlyle die Aufgabe seines Lebens — eine höchst traurigeund widerwärtige Aufgabe, welche ihm den Beruf einesSchriftstellers aufgezwungen hatte. Glücklicher wäre er, wieer annahm, als einfacher Arbeiter oder Pächter in seinemHeimatdorfe geworden. Aber wie hätte er sich einer Auf-gabe entziehen können, die ihm, wie er meinte, von obengeworden war. „Er und der heilige Panlus," sagt Fronde,„(denn ich weiß nicht, von wem sonst dasselbe gesagt werdenkann) schrieben, als gingen sie mit einer über alles wichtigenIdee schwanger, von der sie unter vielen Leiden und Arbeitenerlöst zu sei» wünschten."
Wenn Carlyle den besitzenden Klassen ihre Pflichtengegenüber den minderbcgünstigten ins Gedächtnis rief, sowaren das Worte eines Mannes, der allem Selbstinteresseentsagt hatte, und dessen Leben in einer Idee aufging.Daher die Wucht und die Eindringlichkeit seiner Mahnungen.„Die eine auserwählte Klasse," sagt Carlyle, „ist durch dieGesellschaft mit Reichtum, Einsicht, freier Zeit ausgestattet:allen äußeren und inneren Mitteln zur Herrschaft. Dieandere riesige Klasse, die mit nichts von alledem ausgestattetist, erkärt, daß sie regiert werden muß. Das Negative stehtgegenüber dem Positiven; wenn das Negative und das Po-sitive sich nicht vereinigen können, so ist es für beide einUnglück. Unzählige Dinge könnten unsere oberen Klassenund Gesetzgeber thun; aber die Vorbedingung von alle demist, zu wissen, daß sie etwas unbedingt thun müssen" Inder That liegt der Grund jeder sozialrevolutionären Arbeiter-partei darin, daß die Bande zwischen oberen uud unterenKlassen zerrissen sind, daß die oberen Klassen, die an sichdazu berufen sind, die öffentliche Meinung zu bilden, die-selbe einseitig im Interesse der Besitzenden bilden; dahereine öffentliche Meinung des Ganzen überhaupt nicht mehrbesteht, vielmehr nur eine von Klassen. Reich und armstehen sich alsdann wie zwei Nationen gegenüber, die Seitean Seite leben, aber anders fühlen und anders denken, undsich gegenseitig so unverständlich sind, „als wären sie in ver-