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Und dann dringt der Kapitalismus ein auch in die LandwirtschaftItaliens und anderer Länder, in denen mit den aufblühenden StädtenMärkte für den Absatz landwirtschaftlicher Produkte entstehen. Eineintensivere Bestellung tritt ein. Sie läßt sich mit Hörigen, die nurzu herkömmlichen Leistungen verpflichtet sind, nicht durchführen.Daher die Ersetzung des alten gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnissesdurch eine kapitalistische Organisation des Landwirtschaftsbetriebes inSizilien und dem übrigen Italien und anderen Ländern mit aufblühen-dem Städtewesen. Das rechnerische Vergleichen von Aufwand undErlös dringt ein auch in die Landwirtschaft.') Es führt zur Ablösungder bäuerlichen Lasten, zuerst durch Friedrich II. auf den königlichenDomänen in Sizilien . An die Stelle des feudalen Abhängigkeitsver-derang der in ihren Niederlassungen in der Levante bestehenden Seidenindustriegelegt. Eine Urkunde aus dem 11. Jahrhundert erwähnt venezianische Seidenfabrikenin Konstantinopel; eine zweite spricht von syrischen Seidenwebern, welche im12. Jahrhundert im venezianischen Quartier in Tyrus angesiedelt waren. So kames, daß die Seidenindustrie in Italien nicht von Venedig oder Genua , sondern vonLucca ihren Ausgang genommen hat. Die Seidenweber waren zünftig organisierteKleinmeister, die aber nur formell selbständig, tatsächlich von den Kaufleuten ab-hängig waren, an die sie überwiegend verkauften. Die italienische Seidenindustriewar also tatsächlich eine von kapitalistischen Verlegern abhängige Hausindustrie.Vgl. Romolo Graf Broglio d’Ajano, Die venezianische Seidenindustrie und ihreOrganisation bis zum Ausgang des Mittelalters. Stuttgart 1893. »Die Färberei,mit der die Appretur (celandra) verbunden zu sein pflegte, wurde in großen Teilendes Mittelmeergebiets bis weit in den Orient hinein vornehmlich von Juden betrieben.In den Königreichen Jerusalem und Sizilien war sie für sie monopolisiert« (R. Straus,Die Juden im Königreich Sizilien S. 66). Sie wurde in großen Räumen unter Leitungvon Werkmeistern, also als Manufaktur, betrieben (Straus 68, 71).
*) Sehr bemerkenswert ist in dieser Beziehung die aus dem 13. Jahrhundertstammende Abhandlung von Walter Henley über die zweckmäßigste Ordnung einesgroßen Landwirtschaftsbetriebes (Walter of Henleys Husbandry etc. by ElisabethLamond, with an introduction by W. Cunningham, London 1890). Wir sehendaraus, daß, als mit dem Aufblühen der Städte eine Absatzgelegenheit für land-wirtschaftliche Produkte entstand, schon im 12. Jahrhundert in Geld gelohnte Tag-löhner vielfach an Stelle der Dienste unfreier Bauern in Anwendung kamen. Ebensowie man anfing, die Jahreserträgnisse der einzelnen Felder mit einander zu ver-gleichen und, bei Zurückbleiben des Ertrags, den Ursachen nachzugehen, so fingman an zu vergleichen, was die freie und die unfreie Arbeit koste und unter welchenBedingungen die in Geld gelohnte freie Arbeit vor der Arbeit eines dienstpflichtigenBauern den Vorzug verdiene.