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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
Entstehung
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liehen Gewinn den Absatz der Produkte beherrscht, so muß es sich auchbei deren Herstellung geltend machen. So bricht es ein in ein volkswirt-schaftliches Gebiet nach dem anderen; überall wirkt es auflösend auf dasFortbestehen der alten Wirtschaftseinheiten ; die Mitglieder derselben machensich frei von der Gebundenheit, welche diese ihnen bisher auferlegt; Autoritätund Herkommen schwinden in der Regelung ihrer Beziehungen zu einander;an deren Stelle tritt das Streben nach dem größtmöglichen Gewinn undmacht sich geltend nicht nur in der Verteilung, sondern auch in der Be-stimmung von Produktion und Verbrauch der Güter. Sobald die Preise,welche der Kaufmann auf dem auswärtigen Markt erzielt, durch die Kon-kurrenz gedrückt werden, ist er nämlich nicht mehr im Stande, den hei-mischen Produzenten die gewohnten Preise zu zahlen. Die Produkte müssenalso wohlfeiler produziert werden. Damit fällt die Möglichkeit einer Regelungder Produktion durch Autorität und Herkommen fort; das Streben, mit dengeringst möglichen Kosten möglichst viel zu erreichen, löst sie ab in derHerrschaft über das Wirtschaftsleben.

Das neue Prinzip macht sich zuerst geltend im inneren Handelsverkehr,ganz besonders in der Regelung des Darlehens.

Ursprünglich war das Zinsnehmen vom Stammesgenossen bei allenVölkern als Wucher verboten. Im Mittelalter war den Christen das Zins-nehmen vom Christen verboten; gegenüber Andersgläubigen war es ihnengestattet und ebenso den Juden gegenüber Christen. Allein auch bei denKaufleuten muß es mit der eintretenden Entwicklung des Handelsverkehrsgeduldet werden.

Sodann finden wir, daß die unter dem Zeichen des Strebens nach demgrößtmöglichen Gewinn stehenden Kaufleute ihren Handel auf jedwede Ge-winn versprechende Ware ausdehnen und damit mit den herkömmlichenheimischen Ordnungen in Widerspruch geraten, welche zur Sicherung der»Nahrung« das Recht eines Jeden zum Handelsbetriebe auf bestimmte, seinerGilde zugewiesene Waren beschränkten.

Sobald ferner das Gewerbe für den Absatz seiner Produkte unter denEinfluß einer zuerst nationalen, dann internationalen Konkurrenz gelangt,sind die Schranken, welche Autorität und Herkommen dem Gewerbebetriebauferlegt haben, nicht mehr haltbar. Es entsteht eine neue Technik infolgedes Strebens, zu den niedrigsten Kosten zu produzieren; die Regelung derArbeitsbedingungen durch Behörden und Herkommen gerät in Verfall, undes tritt an Stelle des alten rechtlich geordneten Arbeitsverhältnisses ein Ar-