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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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lungen war, in größerem Maßstab gegen Konstantinopel, mit dem er einegroße Rechnung zu begleichen hatte, zu wiederholen.

Als Robert Guiscard im Jahre 1081 den Weg über Durazzo nachKonstantinopel suchte, mit der Absicht, dem griechischen Reiche das Endezu bereiten, hatte Kaiser Alexios I. die das Meer beherrschenden Venezianerzu Hilfe gerufen; sie hatten schon in ihrem eigenen Interesse dem RufeFolge geleistet, denn eine Festsetzung der Normannen an der Adria wäreihren Handelsinteressen gefährlich gewesen. Die venezianische Flotte hatteRobert in wiederholten Schlachten geschlagen. Dafür hatten die Vene-zianer im Jahre 1082 durch Vertrag zwischen Alexios und der Republik gegen die Verpflichtung, auch künftighin den griechischen Herrschern beiBedrohung durch auswärtige Feinde beizustehen, ganz außerordentlichePrivilegien in Konstantinopel und im ganzen byzantinischen Reiche erhalten.Schon früher hatten viele venezianische Kaufleute in Konstantinopel Häuserbesessen; das war aber nur Privatbesitz gewesen; jetzt wurde an der güns-tigsten Stelle der Stadt, da, wo von jeher der Mittelpunkt alles Verkehrsgewesen, im Hafen von Pera, zunächst der Judenstadt, der Republik einbestimmtes, genau bezeichnetes Areal durch Staatsvertrag zugeteilt, auf demeine venezianische Kolonie, ein kleiner Staat im Staate, emporblühte; siebesaßen da eine eigene Landungsstätte, Häuser, Speicher, Kirchen und Un-abhängigkeit von der griechischen Gerichtsbarkeit. Dem Dogen von Venedigwurde die Würde eines Protosebastos nebst dem zuständigen Gehalte erteilt.Desgleichen setzte Alexios eine ansehnliche Summe fest, die den Kirchenzu Venedig aus dem kaiserlichen Schatze jährlich gezahlt werden mußte.Das rivalisierende Amalfi wurde zu Gunsten Venedigs besteuert. Außerdemerhielten die Venezianer noch viele liegende Gründe, sowohl in Konstanti-nopel, als auch in Durazzo und an anderen Orten, wo sie etwas ausbaten.Das Vorzüglichste aber, was sie erhielten, war allgemeine Zoll- und unum-schränkte Handelsfreiheit im ganzen byzantinischen Reiche, so daß sie vonihren Waren auch keinen Obolus abzugeben brauchten. 1 ) Damit war dieHandelsherrschaft Venedigs im griechischen Reiche begründet. Ihr Reichtumund ihr Übermut gegen die Byzantiner stieg ins Maßlose. Die ganze by-zantinische Bevölkerung stand unter dem Druck der venezianischen Kapi-

*) Vgl. Anna Komnena in den Denkwürdigkeiten aus dem Leben des AlexiosKomnenos im 6. Buche. Tafel und Thomas, Urkunden zur älteren Handels-und Staatsgeschichte der Republik Venedig. Wien 185657, I, 52 ff. W. Heyd ,a. a. O. I, 132. Reinhard Heynen, Zur Entstehung des Kapitalismus in Venedig.Stuttgart 1905, S. 45 ff.