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Kaufleuten im Mittelalter zu tun haben, ist nichts unrichtiger als SombartsBehauptung, daß auch sie lediglich von der Idee der »Nahrung« beherrschtgewesen seien. Vergessen wir doch nicht, daß bei allen Völkern, insbesondereauch bei den germanischen Völkern des Mittelalters, die ersten KaufleuteFremde gewesen sind. Das gilt nicht bloß für die Römer, Syrer und Juden,die, wie berichtet wird, von unersättlicher Erwerbsgier getrieben, zu dennördlichen Völkern gekommen sind, sondern nicht minder für die Kaufleuteder italienischen Seestädte, die mit dem Orient, mit Afrika und mit einanderHandel trieben, und die nie von etwas anderem als kapitalistischem Geistebeseelt gewesen sind, und nicht minder für die nordischen Kaufleute, alsdiese von den fremden zu ihnen gekommenen Händlern den Handel gelernthatten. Man erinnere sich, was schon die Kapitularien Karls des Großen 1 )von der grenzenlosen Gewinnsucht der Kaufleute berichten, oder denke andie Hanseaten, unter deren rücksichtslosem Streben nach Gewinn die Eng-länder, Skandinaven und Russen sich aufbäumten, und die aus dem Reich-tum, den ihr Handel brachte, die Städte aufbauten, deren herrliche Bautenwir noch heute bewundern. Auch ist nicht richtig, wenn Sombart behauptet, 2 )daß zwischen den Handwerkszünften und den Kaufmannsgilden gar keinestrenge Scheidung bestanden habe. Mußte man doch das Handwerk ab-schwören, um in die Kaufmannsgilde aufgenommen zu werden. Auch wardies begreiflich; es war eben die Folge davon, daß der Handel von einemanderen Prinzip als dem Streben nur nach »Nahrung« beherrscht wurde.War doch der Handwerker im Interesse der »Nahrung« auf ein Gewerbebeschränkt, während eine solche Beschränkung für den Kaufmann nicht be-stand; er konnte sein Streben nach Gewinn betätigen, wo immer ihm solcherwinkte; wo man, wie 1363 in England versuchte, jene Beschränkung auchauf den Kaufmann auszudehnen, wurde der Versuch alsbald wieder auf-gegeben. 3 )'
z ) So heißt es in einem Kapitulare von 806: »Diejenigen machen schimpf-lichen Gewinn, welche darauf ausgehen, um des Gewinnes willen und mittelst ver-schiedener Kniffe alle Arten von Gütern aufzuhäufen.« Das richtet sich augen-scheinlich nicht gegen handwerksmäßigen Handelsbetrieb, der nichts anderes erstrebtals seine Nahrung. Und ebenda heißt es an ariderer Stelle: »Wer immer zur Ernte-zeit oder zur Zeit der Weinlese nicht, weil er es braucht, sondern aus GewinnsuchtGetreide und Wein kauft und aufbewahrt, bis er wieder verkaufen kann« usw.; undein solcher Käufer wird in Gegensatz gesetzt zu dem, der »aus Not kauft, um esselbst zu brauchen, oder an Andere zu verteilen« (siehe Boretius, Capitularien I132, § 16, 17), also zu dem, der bloß nach seiner »Nahrung« strebt.
2 ) Der moderne Kapitalismus I, 186.
3 ) Siehe oben S. 85 Anm. 1.