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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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auf gaben enthält, deren Bemeisterung einen Jeden in Stand setzen sollte, imAugenblick zu erkennen, was vorteilhaft sei und was nicht. In Sombart hatLeonardo nun einen weit weniger gelehrigen Schüler gehabt als bei seinenLandsleuten. Denn Sombart meint, das Beispiel zeige, wie unrentabel beiden damaligen geringfügigen Kapitalien der Handel gewesen sei, und hatdaraus den Schluß gezogen, daß go °/o aller damaligen Kaufleute nicht mehrwie die «Nahrung» verdient hätten. Die Italiener erkannten allerdings auch,daß Jemand, dessen Kapital weniger betrage als sein Inhaber während derZeit, da er es nutzbar macht, zum Leben braucht, kein Kapitalist sei unddaher besser zu Hause bleibe, als auf Handelsgeschäfte auszugehen. Siedachten aber weiter und fanden, daß ein nur um ein weniges größerer Be-trag des Kapitals den Handel zu einem gewinnbringenden mache. In dervon Leonardo gestellten Aufgabe nämlich beträgt das Kapital, mit dem derPisaner nach Lucca geht, io'/a d; schon bei der geringfügigen Erhöhungauf 12 d bleiben dem Pisaner zum Schluß 12 d, d. h. nachdem er an dendrei Orten gelebt hat, soviel wie die Summe, mit der er auszog. Schon beieinem Ursprungskapital von 13 bleiben ihm 20, bei einem von 24 bleibenihm 118. Es zeigte sich also, daß bereits eine geringfügige Steigerung desKapitals den Handel gewinnbringend machte und daß mit jedem d mehrdieser Gewinn steige. Die Italiener zogen daraus den Schluß, den Leonardowollte, und zogen nur mit ausreichendem Kapitale aus; daß sie aber damitsehr großen Gewinn machten, zeigen der Reichtum und die Macht, welcheder Handel schon lange vor 1204. ihren Städten gebracht hat.

Man muß sich nur gegenwärtig halten, daß die italienischen Seestädteauch nach dem Untergang des weströmischen Reichs mit B_yzanz und auchmit den Sarazenen in lebhaften Handelsbeziehungen gestanden haben undin dem Reichtum, den ihr Handel ihnen brachte, eben die Mittel erlangthaben, um dem germanischen Andringen zu widerstehen.

Da war zunächst Ravenna, der Sitz des Exarchats. Damit ist es stetsSitz antiker Kultur und der Haupthandelsplatz mit Konstantinopel geblieben.Das Leben des hl. Neon, der um das Jahr 450 Erzbischof von Ravenna ge-wesen ist, gibt sofort einen Beleg für den Reichtum, der damals im Handelerworben wurde. Er erzählt von einem Kaufmann aus Ravenna, der 300 Gold-solidi geborgt und sich auf Reisen begeben habe, um damit Handel zutreiben. Er vervierfachte die geborgte Summe, kam nach Konstantinopel

anelitu in uno et eodem instand circa idem per omnia naturaliter consonent; ettune cum fuerit discipulus habitudinem consecutus, gradatim poterit ad perfectionemhujus facile pervenire.«

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