94
zahlt hätten. 1 ) Dann aber hat Genua seine Rivalin Pisa überflügelt. Imdritten Kreuzzug 1192 haben genuesische Kaufleute den letzten König von.Jerusalem, Guy de Lusignan, finanziert, um ihm zu ermöglichen, König vonCypern zu werden. 2 )
Ich frage abermals, sind es etwa die Kaufleute Sombarts , deren Handelvor 1204 durchaus das Gepräge handwerksmäßiger Beschäftigung getragenhat und nicht mehr als der Handel von Hausierern und Packenträgern ge-wesen ist, die nur nach der «Nahrung» streben, deren Erwerbsgier sie schonim 10. Jahrhundert nach dem schwarzen Meere und Ägypten und im 11. zurAusrüstung von kriegerischen Expeditionen getrieben hat, denen im 12. Jahr-hundert die griechischen Kaiser Zins gezahlt haben und die am Ende des-selben Königen zur Erwerbung von Königreichen verholten haben?
Diejenige italienische Stadt, deren kaufmännische Bedeutung aber alleübrigen übertraf und durch welche die kapitalistische Wirtschaftsordnung,die sich im byzantinischen Reiche erhalten hatte, als sie da in Verfall geriet,mehr als durch irgend eine andere im Abendland wieder eingebürgert wordenist, war Venedig. Seine Geschichte ist allbekannt, und namentlich hat einermeiner Schüler, Reinhard Heynen, 3 ) in so vortrefflicher Weise dargetan, daßsein Reichtum nicht in akkumulierter städtischer Grundrente, wie Sombart will, 4 ) sondern im Handelsgewinn seinen Ursprung hatte, daß es sich erübrigt,darüber noch ein Wort zu verlieren. Bis um die Mitte des 9. Jahrhunderts wares noch abhängig von Byzanz; von da ab war es eine selbständige Republik .Die Existenz ihrer Bewohner hat von Anbeginn auf dem Wasser gelegen.Den Hauptgewinn hat ihnen der Zwischenhandel gebracht, zwischen Byzan-tinern und Arabern, und zwischen Byzantinern, Arabern und den abend-ländischen Großen. In allen ihren Handelsbeziehungen haben es die Vene-zianer frühzeitig verstanden, sich gewinnbringende Privilegien zu sichern.In Byzanz genossen sie vermöge eines Privilegs vom Jahre 992 allein unterallen Kaufleuten den niedrigen Zollsatz von 2 °jo für die Einfuhr und 15 °/ofür die Ausfuhr. Außerdem genossen sie allerlei Vorrechte zum Schutz gegenBeamtenwillkür. Auch wurde damals bestimmt, daß die venezianischen
Schiffe nie ohne Not mehr als drei Tage zurückgehalten werden dürften,
*) Siehe oben S. 21 Anmerkung 2.
2 ) L. de Mas Latrie , Histoire de l’ile de Chypre, I, 38, II 21 Anmerkung.
3 ) Reinhard Heynen, Zur Entstehung des Kapitalismus in Venedig. Stutt-gart 1905.
4 ) Der moderne Kapitalismus I 315 ff. Vgl. dagegen Heynen a. a. O. be-sonders S- 18 ff.