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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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wenn sie nach Hause fahren wollten. ' Dafür mußten die Venezianer ver-sprechen, zum Übersetzen griechischer Heere nach Italien jederzeit ihreSchiffe zu stellen. 1 ) Aber noch weit bedeutsamer war die völlige Handels-freiheit, die sie bei dem Angriff von Robert Guiscard auf das griechischeReich im Jahre 1081 von Kaiser Alexius I. erlangten. Ich habe im II. Ex-kurse erzählt, wie aus diesen und anderen den Venezianern erteilten Handels-privilegien eine venezianische Kolonie in Konstantinopel, ein kleiner Staatim Staate, herangewachsen ist, und wie die Konflikte desselben mit denGriechen den Grund gelegt haben für die Teilnahme der Venezianer amvierten Kreuzzug, und wie sie es verstanden haben, den heiligen Eifer wiedie unheilige Erwerbsgier der Kreuzfahrer ihrem unbegrenzten Verlangennach Reichtum dienstbar zu machen. Nicht das »Geburtsjahr des modernenKapitalismus« ist das Jahr 1204 gewesen, sondern das Jahr, in dem der schonvöllig Ausgewachsene einen Triumph gefeiert hat, wie er in der antikenwie in der modernen Welt kaum jemals größer gewesen ist.

Der Fehler Sombarts, daß er die Reichtum anhäufende Kraft desmittelalterlichen Handels bestreitet, hat ihn auch zu einer völlig irrigen Be-urteilung des Verhältnisses der italienischen Städte zu ihren Kolonien in derLevante geführt.

Es ist allbekannt, daß die Kolonialwirtschaft der Portugiesen, Spanier,Holländer nichts anderes gewesen ist als Ausbeutung von Besiegten durchden Sieger, erst durch Gewalt, dann durch Kapital. Auch wird Niemandbestreiten, daß auf Grund solcher Ausbeutung großer Reichtum angehäuft,d. h. zur Schaffung der objektiven Voraussetzung des modernen Kapitalis-mus wesentlich beigetragen worden ist. Dagegen ist aufs Lebhafteste zubestreiten, daß der Gewinn, den die italienischen Städte aus dem Handelmit ihren Kolonien in der Levante gezogen haben, aus solcher Ausbeutunggeflossen sei.

Sombart unterscheidet verschiedene Methoden kolonialer Ausplünderung.Als erste nennt er den kolonialen Handel. Darunter versteht er 2 ) ein kunst-volles Verfahren, wehrlosen Völkerschaften mit List und Gewalt auf demWege einer scheinbar freiwilligen Tauschhandlung möglichst unentgeltlichWertobjekte abzunehmen. Ganz richtig; so ist das Verhalten der sog. zivi-lisierten Völker im Handel mit Naturvölkern bis zum heutigen Tag. Damiteine solche Ausplünderung aber stattfinden könne ist die erste Voraussetzung,daß derartige Naturvölker vorhanden seien. Nun hebt aber Sombart selbst

9 Wilhelm Heyd, Geschichte des Levantehandels im Mittelalter. I, 127 fr.

2 ) Der moderne Kapitalismus 1 326.