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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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nedigs, Pisas und Genuas, einerseits sich an der Eroberung Syriens undPalästinas mit eigener Wehrkraft zu beteiligen, andererseits sich für dieseBeteiligung die Überlassung von Stadtvierteln auszubedingen. Man ver-gleiche *) doch die Zusicherungen, welche Gottfried von Bouillon 11 oo denVenezianern und König Balduin iioi den Genuesen für Kriegshülfe, derStellvertreter Balduins den Venezianern für Kriegshülfe bei der Belagerungvon Tvrus und für ein Gelddarlehen von 100000 Goldbyzantiner gegebenhat. Die Venezianer erhielten über die Bürger des ihnen eingeräumtenStadtviertels von Tyrus dieselbe Autorität, wie sie dem König über seineUntertanen zustand. * 2 * ) Die Pisaner und Amalfitaner haben nicht minderwertvolle Privilegien in Antiochien erlangt. Noch weiter gingen die denMarseillern im Jahre 1190 für ihre bei der Belagerung von Accon geleistetenDienste eingeräumten Privilegien.- 5 ) Diese Beleihungen waren nicht eine»modifizierte Belehnung«, wie Sombart sagt, sondern gaben durch Staats-vertrag zwischen gleichberechtigten souveränen Staaten den italienischenRepubliken die volle Souveränität über ihre Stadtteile. Wie die Handels-niederlassungen der Italiener vor den Kreuzzügen als Stützpunkte ihresHandels gedient hatten, so erst recht diese Quartiere, in denen ihren Heimat-städten die Souveränität zustand. In den Zeiten des Friedens und derWaffenstillstände fand hier Handel und Verkehr zwischen Christen undMohamedanern statt.

Was war nun der Grund, warum die italienischen Städte so sehr darausaus waren, für ihre Kaufleute solche mit dem Recht der Exterritorialitätausgestattete Handelsniederlassungen zu erwerben? Warum waren sie nichtzufrieden, unter der Herrschaft der Feudalherren in den KreuzfahrerstaatenHandel zu treiben?

Sombart 4 ) vermag einen solchen Grund nicht zu erkennen, wenn nichtein großer Teil der gewerbetreibenden Bevölkerung in den Städten in einem

') Siehe Heyd, Geschichte des Levantehandels I, 145 ff.

2 ) Der Vertrag steht im Chron. Andr. Danduli p. 275.

3 ) Assises de Jerusalem t. II. Introduction par M. le Comte de Beugnotp. XXII. Dagegen geht aus der Stelle in Davidsohns Geschichte von Florenz I 282, Berlin 1896, auf welche Sombart verweist, nicht hervor, daß auch Florenz nicht unbedeutenden Kolonialbesitz in Syrien gehabt habe; das eine Casale, das inder Hand eines Florentiners nachweisbar ist, kann doch wohl nicht als solcher be-zeichnet werden, und ebensowenig wird es dadurch bewiesen, daß Florentiner seitden letzten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts bedeutende Stellungen in Palästinaeingenommen haben.

4 ) Der moderne Kapitalismus I, 340.