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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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legenden Irrtum, den, daß das Streben nach unbegrenztem Reichtum erst alsFolge der in der kapitalistischen Unternehmung stattgehabten Verselbständi-gung des Sachvermögens ins Leben getreten sei, näher ins Auge zu fassen.Es ist dies um so nötiger, als Sombart mit dieser seiner Lehre auch beianderen Gelehrten Anklang gefunden hat. 1 )

Ich habe schon oben dargelegt, daß diese Lehre Sombarts zweierleiübersieht: Die Lage des Handwerks zur Zeit, da der Handwerker nicht weiterstrebte als nach Sicherung seiner »Nahrung«, und das Streben, welches diedamaligen Herrenmenschen erfüllte. Der Handwerker war damals keingleichberechtigtes Glied der Gesellschaft. Er befand sich in einer abhängigenStellung. Er war noch nicht einmal eine vollkommen selbständige Wirt-schaftseinheit, sondern nur ein Glied sei es der Fronhofswirtschaft, sei es derdem Stadtregiment unterworfenen Gilde. So lange dies der Fall war, konntesein Streben selbstverständlich nicht auf unbegrenzten Erwerb gehen. Ermußte zufrieden sein, wenn es ihm gelang, gegenüber den Übermächtigenseinen herkömmlichen Unterhalt zu wahren.

Anders die Herrenmenschen. Schon lange vor Entstehen des Kapi-talismus waren sie vom Streben nach unbegrenztem Erwerbe erfüllt. Es trittuns bei ihnen die Schrankenlosigkeit des Strebens nach Reichtum schon auf

Florenz auch noch anderswoher seine Wolle beziehen: Hauptausfuhrland war dochEngland «. Es sagt aber Villani, im Jahre 1308 seien in 300 Werkstätten 100000Stück Tuch aber von gröberer Art hergestellt worden, gegen nur 80000 Stück,die 1338 in 200 Werkstätten gefertigt wurden; trotzdem aber habe ebenünfolgeder Verwertung der englischen Wolle der Wert der geringeren Menge das Dop-pelte der früher hergestellten gröberen betragen. Villanis Angabe über die 100000Stück, die 1308 hergestellt wurden, bezieht sich also auf Tuche, die im Gegen-satz zu den 1338 hergestellten, nicht aus englischer Wolle gefertigt worden sind.Die 1338 hergestellten waren feinere Tuche. Nur zur Herstellung solcher bedienteman sich der teuereren fremden Wolle. Die gröberen Tuche wurden aus Wolle,die aus Toskana, Sardinien, Rom und Neapel kam, die feineren aus Wolle ausEngland, Frankreich, den Balearen, Sardinien, der Barbarei, aus Puglia und Romagnahergestellt, die ganz feinen aus spanischer und portugiesischer Wolle. Vgl. Pagnini,Deila decima II 92, 93. Fast scheint es, daß Sombart die Stelle bei Villani selbstgar nicht gelesen hat. Daß die Florentiner Tuchmanufaktur nach mehr als der»Nahrung« strebte, zeigt übrigens auch, daß die Medizäer darin tätig gewesen sind.Um die Frachtkosten zu sparen, entschloß sich Lorenzo von Medici , die Wolle, dieer bisher aus England bezogen hatte, um in Florenz Tuch herzustellen, in England verarbeiten zu lassen (vgl. Rymer, Foedera V p. 3, 62; Mengotti, Über denColbertismus, deutsch , S. 115).

T ) So bei R. v. Pöhlmann, Geschichte der sozialen Frage und des Sozialismusin der antiken Welt. 2. A. München 1912, I, 168.