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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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den primitivsten Kulturstufen mit derselben Intensität wie auf den ent-wickeltsten entgegen. Daher schon bei Homer Odysseus lieber noch längerin der Welt umherstreifen will, wenn er dann nur mehr Hab und Gut nachHause brächte. Um ihren Reichtum zu mehren, haben bei den alten GriechenKönige und Adel sich schon frühzeitig an kommerziellen und industriellenUnternehmungen beteiligt. Von Solon stammt der Vers:

»Reichtum hat kein Ziel, das kennbar den Menschen gesteckt ist«

und schon im 6. Jahrh. v. Chr. schreibt Theognis aus Megara , daß Reichtumvon allen Dingen die größte Macht verleiht (Vers 520) und an anderer Stelle(Vers 653): »Wäre ich reich und hätte die Gunst der Unsterblichen, so würdeich mich um andere Tugend nicht kümmern«. Daher ferner die unzähligenStellen bei Dichtern, Rednern und Philosophen zur Blütezeit Griechenlands und ebenso gegen Ende der römischen Republik und zu Beginn der rö-mischen Kaiserzeit, die auf den Grundton gestimmt sind, daß die Menschenvon nichts anderem erfüllt seien als von dem Streben nach dem größtmög-lichen Gewinn. Daher auch die schon in meinem Akademievortrag 1 ) ange-führte Bemerkung des Ambrosius, daß Josua zwar im Stande gewesen sei,die Sonne zum Stillstand zu zwingen, nicht aber der Gewinnsucht Herr zuwerden, und die Geschichte, welche Augustinus von dem Schauspieler erzählt,der angekündigt habe, er wolle einem Jeden sagen, was er am meistenwünsche, und den Zusammenströmenden zurief: Billig kaufen und teuerverkaufen.

Aber vielleicht erwidert man, schon bei Homer zeigten sich die erstenSpuren des Kapitalismus und im 6. Jahrh. v. Chr., am Ende der römischenRepublik und in den Anfängen der Kaiserzeit wie zur Zeit des hl. Ambrosiusund des hl. Augustinus sei er schon in vollster Entfaltung gewesen. Ich willdarüber nicht streiten; aber dasselbe unbegrenzte Streben nach Erwerbzeigt sich auch bei den Barbaren auf frühester, rein naturalwirtschaftlicherKulturstufe.

Wie ich schon 1908 geschrieben habe 2 ): Zur Zeit, als noch Land imÜberfluß vorhanden war und das Kapital noch keine Rolle spielte, war esdie Arbeit allein, wovon der Ertrag abhing. Daher ging das Streben damalsdahin, durch Gewalt möglichst viel Arbeitskräfte in Abhängigkeit von sich

*) Siehe oben S. 20.

2 ) Lujo Brentano , Versuch einer Theorie der Bedürfnisse. Sitzungsberichteder K. Bayer. Akademie der Wissensch. Philos.-philol. und histor. Klasse, Jahr-gang 1908, 10. Abhandlung, S. 55 ff.