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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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Grunde gegangen, welche die großen Vasallen antrieb, die Krone ihresDomanialbesitzes und aller ihrer übrigen nutzbaren Rechte zu berauben!

Und auch theoretisch finden wir schon früh im germanischen Mittel-alter, ganz ebenso wie bei Ambrosius und Augustinus , das Streben nachgrößtmöglichem Vorteil als die Handlungsmaxime, von der die Menschengeleitet würden, ausgesprochen; in der Disputation 1 ) zwischen Alcuin undPippin , dem zweiten Sohne Karls des Großen, findet sich folgender Dialog:Pippin : »Wovon haben die Menschen nie genug?« Alcuin: »Vom Gewinn«.Und in Byzanz schreibt Kaiser Konstantin VII. 2 ): »Sie haben von Natur,wie es scheint, eine Gier in sich, daß sie Alles haben wollen und immernoch mehr, und daß sie auch für kleine Dienste die höchsten Preise fordern«.

Somit unterscheiden sich die Wirtschaftsstufen und Wirtschaftsformennicht ps)'chologisch durch Begrenztheit und Unbegrenztheit des Bedürfens.Es ist nicht, wie Marx und nach ihm Sombart gesagt haben, daß es dascharakteristische Merkmal der kapitalistischen Periode sei, daß in ihr dasErwerben auf mehr als das Maß des persönlichen Bedürfens sich richte,während es in früherer Zeit an dieser Grenze Halt gemacht habe. Das Ver-langen nach Gütern über das Maß des persönlichen Bedarfs ist nicht etwasUnpersönliches, das aus dem Wesen des Kapitals fließt. Es ist etwas höchstPersönliches, denn es wurzelt tief in der menschlichen Natur und zwar indem bei Menschen aller Rassen und aller Völker sich findenden Streben,sich über Andere hervorzutun und sie zu beherrschen. Es tritt nicht erst inder kapitalistischen Wirtschaftsperiode hervor; es ist dieser mit allen voraus-gegangenen Perioden gemein. Die Änderung, welche der bestehende Kapi-talismus hervorgerufen hat, besteht lediglich darin, daß er diesem Strebeneine andere Richtung gegeben hat. In dem Maße, in dem der Handel dieanderen Wirtschaftszweige durchsäuert, ist das Produktionsmittel, mit demder Kaufmann, der sich zuerst als neuer Herrenmensch neben den alten, denGrundherren, gestellt hat, hantiert, das Geld, auch für die übrigen Wirt-schaftszweige wichtiger und wichtiger geworden, und damit trat an dieStelle des unbegrenzten Strebens nach Landbesitz das nach Geldgewinn;und in dem Maße, in dem der Plandel die alten Wirtschaftseinheiten aufge-löst hat, sind auch alle anderen Angehörigen derselben von dem Strebennach dem größtmöglichen Gewinne erfaßt worden.

Also nicht geschaffen worden ist das Streben nach unbegrenztem Er-werb mit dem Entstehen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Die ein-

') Siehe Oeuvres dAIcuin II 3524.

2 ) De administratione imperii 81 f.

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