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Angesichts dessen erscheint mir die Behauptung, daß die Auffassungvon der weltlichen Arbeit als einer Tätigkeit, in deren Verrichtung manGott diene, erst mit dem Protestantismus gekommen sei, als willkürlich.Hat aber Augustinus die von ihm als ehrbar bezeichneten Arbeiten desSchreiners, Schneiders, Baumeisters, Taglöhners den Mönchen ausdrücklichals solche empfohlen, in deren Verrichtung man Gott diene, so läßt sichnicht annehmen, daß er über diese zum Leben, wie es einmal ist, unent-behrlichen Tätigkeiten, wenn von Laien zur Bestreitung ihres Unterhaltsverrichtet, anders geurteilt habe. Weber legt, um seine Behauptung, daßdie Auffassung vom weltlichen Berufe als einer Aufgabe, in deren Erfül-lung man Gott diene, erst mit dem Protestantismus entstanden sei, demLeser nahe zu bringen, allerdings besonderes Gewicht darauf, daß »die la-teinisch-katholischen Völker für das, was wir »Beruf« (im Sinne von Lebens-stellung, umgrenztes Arbeitsgebiet) nennen, einen Ausdruck ähnlicherFärbung ebensowenig kennten, wie das klassische Altertum, während es beiallen protestantischen Völkern existiere.« Doch möchte ich zweierlei daraufantworten: i. Es erscheint mir als eine unzulässige Übertreibung der Be-deutung des Wortschatzes einer Sprache, wenn man aus dem Fehlen eineseigenen Worts in derselben für einen bestimmt abgetönten Begriff den Schlußzieht, daß denen, die sich dieser Sprache bedienen, jene besondere Begriffs-vorstellung fehle. So kennen weder die französische noch die englischeSprache ein das männliche wie das weibliche Geschlecht umfassendes Wort, dasgleich dem deutschen »Mensch« lediglich zur Bezeichnung für den beidenGeschlechtern gemeinsamen Begriff des menschlichen Wesens zur Anwendungkäme; würde Weber daraus den Schluß ziehen, daß Franzosen und Eng-ländern der Begriff Mensch unbekannt sei? 1 ) 2. Es ist unbegreiflich, wie Weberzu seiner Behauptung gekommen ist, die lateinisch-katholischen Völkerhätten kein Wort für »Beruf« im Sinne von Lebensstellung. Ist dochdas Wort »Beruf« die Übersetzung des lateinischen »vocatio«, und »vocatio«wird von der Vulgata nicht bloß im Sinne von Berufung zum ewigenLeben, 2 ) sondern gerade von Lebensstellung gebraucht. So übersetzt sie dieStelle x. Korinth. 7, 20 — 27: »Unusquisque in qua vocatione vocatus est,in ea permaneat. Servus vocatus es? non sit tibi curae; sed et si potesfieri über, magis utere . . . Unusquisque in quo vocatus est, fratres, in
r ) Dieselbe Frage ist an Sombart zu richten, der (siehe oben S. 7, Anmerkung 1)daraus, daß, wie er sagt, das Wort »Geschäft« in unserer Bedeutung in der antikenWelt nicht vorgekommen sei, den Schluß zieht, es habe damals auch den Begriffdes »Geschäfts« nicht gegeben.
2 ) Eph. 1, 18 und 4, 1; 2. Thess. 1, 11; 2. Petr. 1, 10; Ebr. 3, 1.