Druckschrift 
Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
Entstehung
Seite
138
Einzelbild herunterladen
 

138

fung zu einem vollkommenen Leben gebraucht. 1 ) Von da ist der Gebrauchdes Worts übergegangen auf die Berufung zum Klosterleben. Noch heutewird es von Katholiken in diesem Sinne gebraucht. Aber um der innerenStimme Folge leisten zu können, muß man Freiheit haben, die dies ge-stattet. Der Unfreie hat diese Freiheit nicht gehabt. Er konnte nur mitZustimmung seines Herrn dem Klosterleben sich widmen. Vielleicht hängtes damit zusammen, daß Hieronymus bei Übersetzung von Jesus Sirach XI,20 f. weder das Wort vocatio, noch auch bloß das Wort opus, sondern opusmandatorum gebraucht hat. Die Stelle würde dann nichts anderes be-sagen, wie die i. Korinth. 7. v. 21, 22; eine Aufforderung in der Arbeit zurErfüllung der Aufträge seiner Herren zu beharren, ist nichts anderes alsdie Aufforderung im Knechtzustand zu beharren, wenn man durch GottesFügung in diesen Stand versetzt ist. Augustinus allerdings hat sich dafürausgesprochen, auch Sklaven zum Klosterleben zuzulassen, da viele dar-unter schon den Beweis großer Tugend gegeben hätten. 2 3 ) Aber eben seineSchrift »über die Arbeit der Mönche« zeigt, daß viele die Klöster nur auf-suchten, um einem harten und dürftigen Leben in der Welt zu entrinnen,sich ernähren und kleiden und außerdem noch von denen ehren zu lassen,die gewohnt gewesen, sie zu verachten und zu unterdrücken. Außerdemkonnte es'einen Konflikt der Pflichten geben, wenn ein Sklave zum Klosterzugelassen oder zum Priester geweiht würde. Daher trotz Augustins Be-fürwortung der Zulassung von Sklaven zum heiligen Leben schon PapstLeo I. Sklaven zu Priestern zu weihen verboten hat; und bei ihrem Aus-schluß sowohl vom Klosterleben als auch vom geistlichen Stand, außerwenn ihre Herren zustimmten, ist es während des Mittelalters geblieben. 3 )Ebenso setzt der Begriff vocatio im Sinne von Berufung zu einem be-grenzten Arbeitsgebiet seinem innersten Wesen nach die Freiheit voraus,dem Rufe Folge zu leisten; eine vocatio konnte also nur an Freie ergehen. Da-her das Wort vocatio, Beruf, im Sinne von banausischer Tätigkeit während desMittelalters nicht gebraucht wird. Begreiflich, wenn wir die damalige Glie-derung der Gesellschaft ins Auge fassen. Wir haben eine klassische Schil-derung derselben in dem Gedichte des Bischofs Adalbero von Laon aus dem

*) Siehe die Summa Theologiae des Thomas von Aquin im Register sub verbo»vocatio«. Da heißt es: Vocatio dicit auxilium Dei moventis interius et excitantismentem ad deserendum peccatum. Ideo non est remissio peccatorum, nec justifi-catio, sed causa ejus. Siehe dazu 12, qu. 113 1 ad 5 worauf dort verwiesen wird.

2 ) De opere monachorum, c. 22.

3 ) Decretum Gratiani, prima pars, distinctio 54.