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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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Sie wurden in ihre abhängige Stellung geboren, müssen darin beharren undleisten, was von ihren Herren von ihnen verlangt wird; daher der Versbei Adalbero:

Servorum lacrimae, gemitus non terminus ullus.

Sie arbeiteten für die Herrenmenschen, d. h. für Ritter und Geistlichkeit.Zu ihnen wurden nach dem Commentator von Adalberos Gedicht, HadrianusValesius nicht bloß die Haussklaven und unfreien Landarbeiter, sondern auchdie Handwerker und Kaufleute gezählt. »Diese Art Menschen«, sagt Valesius ,»leben mühselig und sind, als wären sie nur geboren und geschaffen, umvon Anderen gebraucht zu werden.«

Da kam die Vertreibung der bisherigen Stadtherrn, der Bischöfe oderwer immer die Stadtherrn sein mochten, aus dem Stadtregiment, und mitder Freiheit der Bürger trat auch an die Stelle der Arbeit entsprechend denMandaten ihrer Herren die freie Berufsarbeit. Es entsteht in den Zünftender Begriff der Handwerksehre und bei sämtlichen Stadtbürgern der Begriffder Bürgerehre und damit der Berufspflicht und der Bürgerpflicht. Und wiedie Kirche die Berufstätigkeit der Ritter zu heiligen bestrebt gewesen war,so war sie auch bestrebt, diese Neuorganisationen von Bürgern und Hand-werkern in ihr hierarchisches System einzugliedern. Sie erhielten ihre be-sonderen heiligen Schutzpatrone, eigene Gottesdienste und Geistliche, undwenn schon die Augustiner- und Benediktinermönche die ununterbrocheneArbeit als von Gott gewollt und die Beschränkung des Verbrauchs auf daszum Leben Nötige als Pflicht erachtet hatten, so predigten selbstverständlichdie Geistlichen nunmehr denen, welche die Arbeit von diesen Mönchen er-lernt hatten gemäß der Mahnung des Apostels Paulus 1. Kor. 1 o und 31 :»Ihr eßt oder trinket oder was ihr tut, so tut es Alles zur Ehre Gottes»;sie erachteten die Arbeit, ohne welche die Menschen, wie sie von Gott ge-schaffen waren, das zum Leben Nötige nicht erlangen konnten, wie Basiliusund Augustinus dies getan hatten, für eine von Gott gestellte Aufgabe,genau so wie sie die Erfüllung der Ritterpflichten dazu gemacht hatten.Es kamen die Kämpfe der Städte um ihre Befreiung von der feudalen Wirt-schafts- und Gesellschaftsordnung. In Italien hatten schon die Kämpfe derStädte gegen die deutschen Kaiser und den Feudalismus, im NordwestenEuropas die Sporenschlacht von Kortryk (1302), im Norden die Waffentatender Dithmarschen, im Süden des deutschen Reichs die großen Schweizer-schlachten des 14. und 15. Jahrhunderts das Selbstbewußtsein der bis dahinabhängigen Gesellschaftsklassen, insbesondere der Stadtbürger, gegenüberden Herrenmenschen gehoben. Durch Arbeit erworbener Reichtum hattesie stark gemacht; Arbeit und Sparsamkeit hatte es den Handwerkern mög-