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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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lieh gemacht, in den Zunftkämpfen ihre eigenen regierenden Geschlechterzu bestehen. Daher sahen sie mit Verachtung auf den sowohl auf demSchlachtfeld als auch durch verschwenderisches Leben bei ungenügendemErwerb immer mehr zurückkommenden Ritterstand. »Es ist gewiß nichtzufällig, daß die einzelnen Gewerbekorporationen Ämter oder officia, welchesWort den Begriff eines persönlich Dienenden voraussetzt, genannt werden.Mag immerhin das Wort äußerlich von den Handwerksämtern auf den Fron-höfen entlehnt sein, bei dem völlig verschiedenen, wirtschaftlichen wie juris-tischen Charakter des Fronhofs und der Zunftämter hätte es sich schwerlichso lange erhalten und so allgemein verbreitet, wenn nicht jene Auffassungder Pflicht gegen die Stadt die überall geltende gewesen und auch deneinzelnen Zunftgenossen zum Bewußtsein gelangt wäre. Daß dies auch inder Tat der Fall gewesen, folgt aus den Zunfturkunden und Zunftinstitutionenmit Evidenz. Wenn wir die zahlreichen Zunftstatuten und Ordnungen durch-lesen, so tritt uns aus ihnen überall, oft mit direkt ausgesprochenen Wortendie Anschauung der Zünfte entgegen, daß die Förderung des gemeinenWohls ihre Pflicht, daß sie um des gemeinen Nutzens und Bestens willendas Recht ihrer Organisation haben, und wodieselben nicht mehr gewahrtwerden, auch ihr Recht verwirkt ist.« Schoenberg, der diese Sätze ge-schrieben,) hat sie mit einer großen Zahl von Auszügen aus Urkunden be-legt. Wenn dem aber so war, so ist es naturgemäß, wenn, ebenso wie inden Kompromissen der wirtschaftlichen Lehren des Thomas von Aquin dieWirtschaftsentwicklung, welche der Occident, namentlich Italien, seit denKreuzzügen genommen hatte, sich spiegelt, nun auch in der Zeit der Blüteder Zünfte, wie Weber sich ausdrückt, * 2 ) »Ansätze« zu einer Auffassung deswirtschaftlichen Berufs der Städter als einer von Gott gestellten Aufgabebei Tauler ( gest. 1361) sich finden. Und ebenso naturgemäß ist es, daß dieReformatoren, deren Lehre, statt wie die Kirche des Altertums und desMittelalters in der Entsagung, in der Erfüllung der innerweltlichen Pflichtenden Weg zum ewigen Leben sali, diese Auffassung nun auch auf die Er-füllung der Berufspflichten ausdehnte, wie sie vom Bürgertum längst alsHandwerksehre, als Bürgerehre, als Stärke des Bürgertums in seinem Kampfgegen die Feudalität und den Adel, als Pflicht zur Förderung des gemeinenWohls und dementsprechend als Pflicht gegen die Stadt erkannt wordenwar. Insbesondere aber mußte diese Lehre in den Ländern auf fruchtbaren

z ) G. Schoenberg , Zur wirtschaftlichen Bedeutung des deutschen Zunftwesensim Mittelalter. Berlin 1868, S. 38.

2 ) Archiv für Sozialwissenschaft etc. XX, 38.