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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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Spanien unter dem Hause Habsburg. Dabei sinkt 1508 das politische An-sehen Venedigs durch die Liga von Cambrai und im Jahre 1517 wird dannauch die Weltstellung des Papstes durch die Reformation erschüttert, waseine große Einbuße für Italien bedeutet. 1571 gelangt das venezianischeCypern an die Türken. Dagegen macht gleichzeitig die wirtschaftliche wiedie politische Entwicklung Spanien zur ersten Macht in Europa .

Sombart dagegen bringt Auf- und Niedergang der Völker in Zusammen-hang mit den Wanderungen der Juden. Er schreibt: »Wie die Sonne gehtIsrael über Europa : wo es hinkommt, sprießt neues Leben empor; von woes wegzieht, da modert Alles, was bisher geblüht hatte«; und indem er, wiegesagt, Italien , die Länder der pyrenäischen Halbinsel und »einige süd-deutsche Gebiete« in einem Satze den nordischen Ländern gegenüberstellt,beginnt er die Wechselfälle vorzuführen, denen das jüdische Volk seit Endedes 15. Jahrhunderts ausgesetzt gewesen sei, um seine erstaunliche Auf-stellung zu beweisen. Er beginnt mit den Ländern der pyrenäischen Halb-insel und sieht die Ursache ihres Verfalls in der Vertreibung der Juden.»Es sollte«, schreibt er, 1 ) »niemals vergessen werden, daß am Tage, eheColumbus aus Palos absegelte, um Amerika zu entdecken (3. August 1492),wie man sagt, 300000 Juden aus Spanien nach Navarra, Frankreich, Por-tugal und nach dem Osten auswanderten, und daß in den Jahren, in denenVasco da Gama den Seeweg nach Ostindien fand, andere Teile der P)-re-näenhalbinsel ihre Juden vertrieben.« Nun geraten Spanien und Portugal im Verlauf des 16. Jahrhunderts unter Karl V. und Manuel dem Großenaber nicht in Verfall, sondern erreichen den Höhepunkt in ihrer Geschichte.Selbst noch zu Anfang der Regierung Philipps II. ist Spanien die ersteMacht in Europa, und unermeßlich sind die ihm aus Mexiko und Peru zu-strömenden Reichtümer. Gegen diesen Einwand deckt sich Sombart , indemer auf die Juden verweist, die als Scheinchristen (Marranos) auf der pyre-näischen Halbinsel geblieben und erst unter Philipps III. dem Lande verlorengegangen seien. Wenn aber ein großer Teil der spanischen und portu-giesischen Juden erst während des 16. Jahrhunderts, namentlich gegen dessenEnde Philipp III. regierte übrigens von 1598 bis 1621, Spanien ver-lassen hat, so kann ihre Vertreibung in den Neunziger Jahren des 15. Jahr-hunderts nach Sombarts eigener Theorie nicht den nach ihm (freilich nichtin Wirklichkeit) seit 1497 eingetretenen Verfall Spaniens verursacht haben.Was aber soll dann die Heranziehung jener Vertreibung von 1492, 1495und 1497? Und wenn dann später unter Philipp III. die Juden erst wirklich

*) Sombart , Die Juden etc. S. 15.

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