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warum in Polen und Rußland , obwohl da »das südliche Wüstenvolk« seitJahrhunderten am zahlreichsten vertreten ist, aus seiner Einwirkung auf dienordischen Völker eine wirtschaftliche Blüte so gar nicht hervorgegangen ist!
Genau so irrig ist aber die zweite Hälfte der Sombartschen Behaup-tung, daß, wo Israel wegzieht, alles modert, was bisher geblüht hat, unddementsprechend, daß die Vertreibung der Juden zum Verfall Spaniens ge-führt habe. Allerdings hatten die Juden in den arabischen Reichen Spaniens zu deren Blüte wesentlich beigetragen. In ihren Händen konzentrierte sichdas Kreditgeben und das Geldwechseln; sie waren ausgezeichnet in Künstenund Wissenschaften, namentlich in der Mathematik und Medizin, und wirwissen von dem jüdischen Arzte Hasdai in Cordova, bei dem König Sanchovon Leon, als Geist Abd-er-Rahmans III., eine Entfettungskur mit glück-lichstem Erfolge durchgemacht hat. Aber als die Juden vertrieben wurden,entstand in den Gewerben, die ihre Spezialität waren, auf der pyrenäischenHalbinsel keine Lücke. In ihrer Rolle als Geldverleiher und Geldwechslerwurden sie alsbald reichlich durch die Fugger, andere oberschwäbische Kauf-leute und durch die Genuesen ersetzt. Es waren ganz andere Vertriebene,als die Juden, es waren die vertriebenen Moriscos, die für Spanien unersetz-lich gewesen sind.
Sombart versichert in der Vorrede des Buchs, das mit den vorstehendkritisierten Ausführungen seine Darlegungen über die Rolle der Juden imWirtschaftsleben eröffnet, daß es »ein streng wissenschaftliches Buch« sei. 1 )Er lehnt es nachdrücklichst ab, daß es Werturteile enthalte. Werturteileseien stets subjektiv. »Die Wissenschaft aber will objektive Erkenntnis ver-mitteln, sie sucht die Wahrheit, die grundsätzlich immer nur eine ist, wäh-rend es Werte grundsätzlich so viele wie wertende Menschen gibt.« WelcherDiener der Wissenschaft, der nach solchem begeisternden Bekenntnis nichtmit den größten Erwartungen an das ihm Gebotene heranträte! Die ebenkritisierten Behauptungen über die Ursachen der Verschiebung des Wirt-schaftszentrums seit dem 16. Jahrhundert stehen aber in dem Teile seinesWerks, für dessen Gedankengänge er absolute Unwiderlegbarkeit in An-spruch nimmt. 2 ) Wie mag es mit denen stehen, bezüglich deren Sombart selbst nicht gleiche Sicherheit fühlt! Vor Allem wie ist die Möglichkeitsolcher von der objektiven Wahrheit so sehr abweichender Ausführungenzu erklären?
Es ist eine bekannte Sache, daß es Juden gibt, welche alle großenMänner der Geschichte und alles, was in der Welt Großes geleistet worden
2 ) Ebenda S. IX.