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diesem oder jenem Leben gewiß, so mußte er auf Sühnung der Schulddenken, und die Götter waren versöhnlich. So läßt Homer den Phönix zuAchilles sagen: 1 )
»Zähme den heftigen Mut, o Achilleus ! Nicht ja geziemt dirUnbarmherziger Sinn; lenksam sind selber die Götter,
Die doch weit erhabner an Herrlichkeit, Ehr und Gewalt sind.
Diese vermag durch Räuchern und demutsvolle Gelübde,
Durch Weinguß und Gedüft ein Sterblicher umzulenken,
Bittend mit Flehen, wann sich Einer versündiget oder gefehlet.«
Und ebenso findet sich bei Homer schon das Abrechnen zwischen denMenschen und Göttern, wenn sie von diesen etwas erreichen wollen. Sieerinnern sie dann an die
»Fetten Schenkel verbrannt von Rindern oder von Schafen«, 2 )die ihnen früher geopfert wurden. Bricht ein Unglück über ein Volk herein,so erklären dies die Seher als Strafe für die Verletzung eines göttlichen Ge-bots. 3 ) Herkules am Scheidewege steht vor keinen anderen Erwägungenals denen, mit denen der von Sombart zitierte 4 ) Rabbi die Frage beant-wortet: »Welchen Weg soll der Mensch wählen?« Und die in den heid-nischen Tempeln aufgehangenen Votivtafeln derer, welche für ihre Er-rettung aus dem Schiffbruch Geschenke versprochen hatten, sind sie nichtsinnfällige Belege für die vertragsmäßige Auffassung der Beziehungenzwischen Menschen und Göttern bei Griechen und Römern?
Das ist die Religion des Körpers, der Furcht. Wir nennen es Aber-glaube. Die Edleren dagegen erkennen, daß dies nicht genügt. Es genügtnur, wenn der Mensch sich selbst opfert. Er muß nicht bloß die Sünden-strafe, sondern das Unrecht selbst fürchten. Er muß seine triebhafte Naturüberwinden, sein Herz losmachen vom Genuß, das Gute um des Gutenwillen lieben, weil es allein das Gute ist. Das ist geistige Religion oderFrömmigkeit.
Zwischen diesen beiden Formen der Religion hat die Menschheit hin-und hergependelt, seit sie Gut und Böse zu unterscheiden gelernt hat.Der Aberglaube zieht an, weil er gegen Immoralität nachsichtig ist, indemer äußere Mittel, ihre Folgen abzuwenden, an die Hand gibt. Aber dasedlere Empfinden bäumt sich dagegen auf und verachtet die äußeren Opferals Götzendienst. Alsdann treibt das Bewußtsein des Bösen dazu, mit der