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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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haben ihre mit der Entstehung des »Judentums« eingetretene feindlicheHaltung gegen die Andersgläubigen auch auf das wirtschaftliche Gebietübertragen; und wenn schon die hochmütige Verachtung, mit der das aus-erlesene Volk auf die übrigen Völker herabsah, den Judenhaß hervorgerufenhat, so konnte ihre nationale Exklusivität, als sie zur Ausbeutung derübrigen Völker führte, diesen nur steigern. Beide Momente dürften bei derHervorrufung der Judenverfolgungen in der Diaspora zusammengewirkt haben,von denen die Quellen aus der Zeit lange vor Christus berichten. 1 ) Beidehaben auf die weitere Entwicklung des Völkerlebens während Jahrtausendendie tiefgreifendsten Wirkungen ausgeübt.

Ich kann darauf hier nicht eingehen, denn es ist nicht meine Absicht,eine Wirtschaftsgeschichte der Juden, seit sie Untertanen der Römer ge-worden, zu schreiben. Nur eine Vermutung möchte ich noch auszusprechenwagen in Anknüpfung an die eben berührte Tatsache, daß die Juden bisin die neueste Zeit inmitten der Völker, unter denen sie sich niedergelassenhatten, als Fremde geweilt haben. Die Römer pflegten zur Kaiserzeit dieGötter der ihrem Reiche einverleibten Völker in ihr Pantheon aufzunehmen.Nach der Unterwerfung der Juden hätte also eigentlich auch Jahve darinAufnahme finden sollen. 2 3 ) Damit wäre er romanisiert worden. Aber daswar bei Jahve ausgeschlossen. Er war ein eifersüchtiger Gott, der Alleinig-keit beanspruchte; er vertrug sich nicht mit den anderen Göttern im Pan-theon. Obwohl die Juden römische Bürger geworden waren, erhielt mandaher, um des Friedens willen, 3) in Religionssachen die Fiktion aufrecht,daß sie Fremde seien, deren Kultus nur geduldet sei, und der kluge Finanz-mann Vespasian wußte aus dieser Fiktion Nutzen zu ziehen. 4 ) Er begründeteden fiscus judaicus; dahin hatten die Juden für die Duldung ihres den Rö-mern fremden Gottes und seines Kultus an den Jupiter capitolinus eineSteuer zu zahlen; in Wirklichkeit flössen diese Abgaben in die Kasse desKaisers. Dieser fiscus judaicus erhielt eine eigene Organisation unter einemprocurator ad capitularia Judaeorum. Vielleicht liegt darin der ideelle Ur-sprung der Beibehaltung des Fremdencharakters der Juden auch in denauf das Römerreich folgenden Germanenreichen, sowie der Kammerknecht-schaft der Juden in Deutschland, des Exchequer of the Jews in England und der besonderen Besteuerung der Juden in Frankreich . Indes ist es für

9 Vgl. Eduard Meyer a. a. O. S. 217; ferner in Seleukia vgl. Mommsena. a. O. S. 546.

2 ) Vgl. Jean Juster a. a. O. I, 246.

3 ) Ebenda pp. 339fr., bes. p. 349.

4 ) Ebenda a. a. O. I, 246, II, 282 fr.

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