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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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die hier gepflogene Betrachtung gleichgültig, ob diese Vermutung haltbarist oder nicht.

Hier galt es nur zu zeigen, in welcher Weise das in seinen Anfängendurchaus nicht kapitalistische jüdische Volk zum Kapitalismus gekommenist. Im Gegensätze zu dem hier Ausgeführten nun noch Sombarts Dar-legung, wie das jüdische Volk zu der Eigenart gekommen sei, aus der sichdie jüdische Religion und in Wechselwirkung mit ihr der Kapitalismus ent-wickelt habe.

Es ist eigentümlich, daß sich Sombart gar nicht des Widerspruchs be-wußt geworden ist, wenn er einerseits den Kapitalismus und damit auchdas jüdische Wesen, dessen Ausstrahlung er sei, als etwas Widernatürlicheserklärt und andererseits, um die Entstehung der kapitalistisch gerichtetenjüdischen Eigenart zu erklären, auf die Einwirkung besonderer natürlicherVerhältnisse auf die Entwicklung des jüdischen Menschen zurückgreift. Diegermanischen Völker, lehrt er, sind aufgewachsen im Wald und am Wasser.

. Da herrschen Nebel. Hier kein klar rechnendes Denken. Man ist zu-frieden mit dem Herkömmlichen. Aus dem Walde, den man rodet, ausdem Sumpfe, den man zur Scholle umwandelt, aus der Scholle, auf der derPflug geht, stammt die »bäuerlich oder feudal handwerksmäßige« Wirt-schaftsverfassung. Hier herrscht Patriarchalismus, der einem jeden die ihmzukommende Nahrung zuweist. Die Juden dagegen stammen aus der Wüste.Sie sind Beduinen. In der Wüste ist der Himmel klar, nicht nur bei Tage,sondern auch klare Nächte. Sie ist nicht durch Berg und Wald begrenzt.Der Blick schweift ins Unendliche. Da ist der Sitz des abstrakten Denkensstatt des konkreten Empfindens. Daher auch nach Sombart dem Judentum,wie schon bemerkt, die heilige Begeisterung für das Göttliche in der Sinnen-welt fehlt.. Aus den Wüsten Palästinas sind die Juden nach Babylon ge-kommen, in die Großstadt, und leben seitdem in Städten. An die Stelleder Sandwüste tritt die Stein wüste. In der Wüste ist bei ihnen Unendlich-keit des Begehrens an die Stelle des Verlangens bloß nach Nahrung ge-treten. Aber der Saharismus allein hätte die Juden nicht zu Kapitalistengemacht ohne das Geld. Es dient nicht unmittelbar einem Bedürfnis; es ent-behrt der Konkretheit; es ist die absolute Verkörperung von Reichtum. Daherdie Unbegrenztheit des Verlangens, mit dem die Menschen nach ihm begehren.Diesem Verlangen dient die Geldleihe; sie bietet die Möglichkeit, den Beliehenenbis zur Preisgabe seiner Persönlichkeit auszuwuchern. Die Raubzüge derjüdischen Beduinenkönige haben den Juden Beute gebracht ap Geld, womitsie die Anderen auswucherten, indem sie es ihnen liehen. Diese Beduinensind sie geblieben. Sie sind nicht 40 Jahre, sondern seit 4000 Jahren durch