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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
Entstehung
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die Wüste gewandert. Immer hat nur ein verschwindend kleiner Teil mitLandbau sich abgegeben; auch ihr Handel ist nur unerheblich, nur der vonPackenträgern gewesen; dagegen war die Geldleihe der ihrer Eigenartder Unbegrenztheit des Begehrens und dem rechnenden Verstände, der mitdem geringstmöglichen Aufwande möglichst viel zu erreichen sucht ent-sprechende Erwerb. Im Kampfe mit den nördlichen Völkern hat sich ihreaus der Wüste stammende Eigenart auf dem Wege der Auslese erhaltenund gesteigert. Aus dem Kampf zwischen dem Sylvanismus und Agri-kulturismus und ihrem Saharismus, der Paarung der einzigen wissenschaftlich-technischen Befähigung der nordischen Völker mit ihrer überaus großenkommerziellen Begabung, ist der moderne Kapitalismus entstanden. Nochder heutige Jude ist voll von Wüstengeist, ist Beduine.

Als Thomas Buckle vor etwa fünfzig Jahren die Rückwirkungen desWohnorts auf die Erscheinungen der Gemütswelt zum. Ausgangspunkt seinerGeschichte der Zivilisation machte, ist Oscar Peschei seinen Übertreibungenund Willkürlichkeiten mit unbarmherziger Sachlichkeit entgegengetreten.')Was aber Sombart in den hier wiedergegebenen Gedankengängen über denEinfluß der Wüste auf Entstehung und Entwicklung dessen, was er diejüdische Eigenart' nennt, bietet, läßt alle Sünden Buckles weit hinter sich.Soviel Sätze, soviel falsche oder nach Falschem schielende Behauptungen.Nur das eine ist richtig, daß die Juden ursprünglich kein Handelsvolk ge-wesen sind. Dagegen habe ich im Vorstehenden ausreichend dargetan, daßin Palästina' die große Masse der Juden aus kleinen Bauern bestanden hat,die im Schweiße ihres Angesichts ihre Felder pflügten und ihr Öl preßten.Desgleichen haben wir gesehen, daß die dortigen klimatischen Verhältnisseder Schilderung Sombarts in keiner Weise entsprechen. Auch läßt er selbst,unbekümmert um seinen Satz, daß die »bäuerlich- oder feudal-handwerks-mäßige« Wirtschaftsverfassung aus dem Wald, dem Sumpfe und der be-ackerten Scholle stamme, was alles er dem Lande Kanaan abspricht, ananderen Stellen * 2 ) die aus der unendlichen Wüste kommenden hebräischenMächtigen und Großen in Kanaan Fronhöfe nach Art der Villen Karlsdes Großen organisieren, auf denen sie, gleich den zur Zeit der Völker-wanderung in das westliche Europa einbrechenden germanischen Eroberern,mit Hilfe der von ihnen Unterworfenen wirtschaften. Während endlich beianderen Völkern des Altertums, die nicht aus der Wüste stammen, wie z. B.den Römern, Freiheit und Leben des Schuldners der Gnade des Wucherers

') Oscar Peschei, Völkerkunde. Leipzig 1874, S. 325 fr.

2 ) Sombart , Die Juden etc. S. 364, 406.

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