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Der Irrtum Lichnowskys / [Lichnowsky ; von Jagow]
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denselben nehmen sie nicht an, widersprechen dagegen be-stimmt den ihnen in den Mund gelegten Aeusserungen, ausdenen Dr. Mühlen seine Schlüsse ziehen wollte. Sie könntenseino Niederschrift nur als pathologisch bezeichnen. Er müsseDinge, die er von anderen oder zu einer späteren Zeit gehörtoder sich in seiner Phantasie zurechtgelegt habe, mit dem In-halt der tatsächlich stattgefundenen Unterredungen zusammen-geworfen haben. Eine Nachprüfung der angeblichen Be-hauptungen der Herren, soweit sie objektiv kontrollierbar ge-wesen seien, habe auch ergeben, dass die behaupteten Aeusse-rungen nicht gefallen sein könnten, da sie mit den Tatsachenin unlösbarem Widerspruch stünden. Fast unvereinbar mitden Behauptungen des Briefes sei auch die Tatsache, dassDr. Mühlon, ein ausgesprochener Vertreter pazifistischer Ideen,von Kriegsausbruch ab noch längere Zeit dem AuswärtigenAmte im Ausland Dienste geleistet habe, obwohl er, wie erjetzt behauptet, 6chon im Jahre 1914 gewusst haben wolle, dassdas Deutsche Reich damals mit zum Kriege getrieben habe.Er habe auch im Mai 1917 seine fernere Tätigkeit im Interessedos Reiches nicht etwa mit Rücksicht auf die damalige Stellungder deutschen Regierung gekündigt, sondern weil er seit 1917jede Hoffnung aufgegeben habe, dass es den derzeitigen Leiterndes Deutschen Reiches ernstlich um den Frieden zu tun sei.Nach dieser ganzen Sachlage könnte den Erzählungen desDr, Mühlon kein weiteres Gewicht beigemessen werden, alsdie beiden Herren, die die angeblichen Aeusserungen getanhaben sollen, ihnen beimessen, sie seien Aeusserungen eineskranken Gemüts.

In der anschliessenden Diskussion erklärte der Ab-geordnete G r ö b e r , die Denkschrift des Fürsten Lichnowsky sei ein so merkwürdiges Aktenstück, dass bei jedem der Ein-druck entstehe, hier schreibe ein Herr, der von geradezukrankhafter Eitelkeit erfüllt sei 'und aus diesem Gesichts-winkel alles betrachte und beurteile. Man müsse sich wun-dem, wie ein solcher Mann zum Diplomaten gemacht und aus-gerechnet ln der kritischsten Zeit auf den schwierigstenPosten in London gestellt werden konnte.

Zweifellos werde diese Broschüre für unser Vaterlandsehr schädlich wirken. Wenn man auch alle Behauptungenobjektiv widerlegen könne, so werde man im Ausland© sagen,es sei doch wahr, es habe ja der deutsche Botschafter inLondon goschrieben. Wenn der Fürst Lichnowsky die Denk-schrift npr für sein Familienarchiv bestimmt hätte, dannwürde er sie nicht einem halben Dutzend Leuten mitgeteilthaben. Das begründe an und für sich schon eine schwereVerantwortung für ihn. Liege da nicht Anlass vor, von denDisziplinarmitteln Gebrauch zu machen?

Von dem Falle Mühlon habe er nach den Darlegungen desVizekanzlers die Ueberzeugung gewonnen, dass den Behaup-tungen des Verfassers die Angaben zweier glaubwürdigerMänner entgegenständen, so dass man nicht im Zweifel seinkönne, auf welcher Seite die Wahrheit sei.

Der Abgeordnete Scheidern a n n betonte, dass diesozialdemokratische Partei die Grundursache des Krieges inder ganzen modernen Weltmacht-Politik sähe, die von allenStaaten betrieben werde. Pie Sozialdemokratie habe dafürden Ausdruck Imperialismus geprägt, Eine Debatte überdas etwaige Verschulden der Diplomatie des eigenen Landesüber den Ausbruch eines Krieges, dessen eigentlichen Grundder Imperialismus bilde, habe im Augenblick wenig Zweck.Wenn es wahr wäro, dass etwa Herr von Jagow oder derFeldmarschall von Moltke die Schuld am Kriege trage, und

dass namentlich der letztere zum Krieg gedrängt habe, eigent-lich nur, um Herrn Lichnowsky zu ärgern, so wäre er damiteinverstanden, dass diese oder irgend ein anderer Schuldigerauf die Anklagebank kämen, namentlich dann, wenn dadurchdie Beendigung des Krieges herbeigeftthrt werden könne. Dassei aber leider nicht der Fall.

Bezüglich des Falles Mühlon könne er sich kurz fassen.Im Falle Lichnowsky könne man die Behauptungen der Denk-schrift nachprüfen. Im Falle Mühlon müsse man sich mitdem begnügen, was die anderen Herren gesagt haben.

Die Broschüre, in der Fürst Lichnowsky Deutschland dieSchuld am Krieg zuzuschieben versuche, könne seines Er-achtens nur Eindruck auf sogenannteNurpazifisten machen.Für einen Diplomaten sei diese Broschüre geradezu Blamage.Redner gab einige Stichproben aus der Broschüre, welchedie Unzuverlässigkeit, und die lächerliche Eitelkeit desFürsten dartäten. Nach Lichnowsky seien alle feindlichenDiplomaten Prachtkerle. Unsere Diplomaten dagegen seienmit Ausnahme natürlich von Lichnowsky Trottel und schlechteMenschen, die dem Fürsten Lichnowsky seinegrossen Er-folge in London nicht gönnten. Wie der Redner näher dar-legte, befänden sich auch mehrfach falsche Daten in derBroschüre, der Krieg an Russland sei z. B. nicht am 31. Julierklärt worden, sondern am 1. August, Leider gäbe es zahl-reiche Fälle, die bewiesen, dass unsere diplomatische Ver-tretung im Auslande versagt habe. Sie müsse von Grund

auf reformiert werden.

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Der Abgeordnete Dr. Müller- Meiningen führteaus: Es sei ein Segen, dass die Giftbombe jetzt durch unszur Explosion gekommen sei, sonst hätte sie viel Unheilangerichtet, Im Auslande sei man im Besitze des Materialsund warte den psychologischen Augenblick zur Ueber-rasc-hung mit den beiden Schriftstücken ab. Die Kennzeich-nung der Liclinowskysehen Denkschrift hier sei eine geradezuvernichtende gewesen, trotzdem dürfe die Wirkung der Ver-öffentlichung im systematisch getäuschten Auslande nichtunterschätzt werden. Der Fürst Lichnowsky sei einer derFavoriten für den Reichskanzlerposten gewesen und an denhöchsten Stellen hoch angesehen. Das diplomatische Systemsei es, das hier zusammengebrochen wäre. Hoffentlich lerneman daraus. Dringend nötig sei die Ergänzung unseres Weiss-buches.

Er sei trotz Mühlon und Lichnowsky felsenfest überzeugt-,dass die erdrückende Mehrheit, des deutschen Volkes, derReichskanzler, der Vertreter des Auswärtigen Amtes, wie vorallem der Deutsche Kaiser immer den Frieden haben wolltenund stets gegen einen Krieg mit England waren. BethmannHollweg habe in "Wien getan, was er konnte, um den Kriegzu verhindern. Das englische Blaubuch sei der beste Beweisdafür. Die englische und französische Regierung habe inPetersburg völlig versagt. Der Redner weist auf die Fehlerder deutschen Diplomatie in Petersburg und Rom hin undverlangt- die völlige Reform unseres diplomatischen Systems.

Der Abgeordnete Dr. Stresemann geht auf Fragender Entstehung des Krieges und der diplomatischen Ver-änderungen nicht ein. Redner schliesst sich dem Wunsche an,dass das Weissbuch ergänzt werde, das doch ein Dokumentvon weltgeschichtlicher Bedeutung sei, aber angreifbar, weilwichtige Dokumente darin fehlten.

Aus der Liclinowskysehen Broschüre sei das Gravierendsteschon von den Abgeordneten Gröber und Scheidemann vor-