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Der Irrtum Lichnowskys / [Lichnowsky ; von Jagow]
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gebracht. Man könne den Verfasser überhaupt nicht ver-antwortlich ernst nehmen. Dafür zeuge schon die Dar-stellung Sir Edward Greys bei einem Mittagessen im HauseLichnowskys. Das Tollste an der Broschüre sei ihr Ausgang,wo Lichnowsky die Zukunft schildere und gewissermassen indem britischen Imperialismus das Heil der Welt erblicke.Das Kolonialabkommen mit England sei von Lichnowsky überschätzt worden. Durch die ganze Broschüre ziehe sichder Gedanke, England rein zu waschen und auf Deutschland die Schuld zu schieben. Lichnowsky hätte sich seiner Ver-antwortlichkeit bewusst sein müssen, die ihn davon hätte ab-> halten müssen, seine Schrift auch nur einem Familienmit-

gliede zu zeigen. Durch die Erklärungen des Vizekanzlersin dieser Beziehung sei der Redner nicht befriedigt. Beioiner Niederschrift auch für das Familienarchiv hätte Lich-nowsky die amtlichen Dokumente zu Rate ziehen müssen.1 Dann wäre ihm etwa so Wesentliches wie die Datenver-

wechslung nicht untergelaufen. In allen Parteien sei man sichdarüber einig, dass die Schrift als ein Machwerk anzusehensei, das uns nicht schaden könne. Man solle offen von Lich-nowsky und seinem krankhaften Ehrgeiz abrücken. DieVertreter der Parteien hätten sich im wesentlichen der Kritikdes Vizekanzlers angeschlossen.

Im Falle Mühlon ist der Redner der Meinung, dass dasAngeführte wenig Veranlassung zur Erregung gibt.

Der Abgeordnete von Graefe bemerkte, es sei er-freulich, dass die Vertreter sämtlicher Parteien in derVerurteilung der bedauerlichen Vorgänge einmütig gewesenseien. Auf Einzelheiten der Lichnowskyschen Schrift gingeder Redner nicht mehr ein, da von den Vorrednern bereitsgenügend zitiert worden sei. Ihm käme es vielmehr daraufan, die Konsequenzen zu behandeln, die zu ziehen seien. Esschiene ihm vor allem jede allzu wohlwollende Nachsicht nichtam Platze. Der Redner nahm dann die Frage auf, wer Lich-nowsky wieder aus der Versenkung hervorgeholt habe. Dassei damals Herr von Betlimann Hollweg gewesen, dessen An-schauungen die Englandpolitik des Fürsten Lichnowsky imwesentlichen entsprochen hätte. Redner lasse vorläufig dahin-gestellt, ob man für die Zukunft in dieser Beziehung über die, Haltung der Wilhelmstrasse ganz beruhigte Empfindungen

hegen könne. Für die weitere Verbreitung der Lichnowsky-schen Schrift treffe eine sehr erhebliche Mitschuld gewissedemokratische Kreise, die schon damals nicht an den Welt-. krieg hätten glauben wollen. Redner wolle nur den Namen

£ Witting nennen, wenn man von der schweren Verantwortung

spreche, welche diejenigen Männer treffe, die unser Vatorlandbei diesen Vorgängen schwer geschädigt hätten. Mit demAbgeordneten Müller-Meiningen sti mm e Redner darin über-ein, dass das Auswärtige Amt in soinor Zusammensetzungund seiner Methode einer gründlichen Revision unterzogenwerden müsse. Im Falle Mühlon, der vom Herrn Vize-kanzler erschöpfend behandelt sei, sehe Redner das Bedenk-lichste darin, daß jener von der Regierung wiederholt ver-wendet worden sei. Der Regierung sei nahezulegen, in derAuswahl derjenigen Persönlichkeiten, dio sie im Ausland ver-wende, recht vorsichtig zu sein.

Freiherr von Ga mp will auf den Fall Mühlon nichteingelien. Es handle sich hier tun einen kranken Mann,der dio Wirkungen seiner Handlungen nicht übersehen konnte.Im Reichstage und im ganzen deutschen Volke würden seitvielen Juliron die erheblichsten Beschwerden über unsereDiplomatie ausgesprochen. Es müsse in der Zukunft mit demjetzigen System gebrochen werden.

Lichnowsky sei in der Beurteilung der Engländer nur denAuffassungen seiner Vorgesetzten gefolgt. Es sei aber einegroße Verfehlung des Auswärtigen Amtes, dass es nichtfrüher gegen seine Tätigkeit eingeschritten sei. Es sei un-erklärlich, wie Fürst Lichnowsky Deutschland die Schuld andem Kriege aufbürden könne, wenn er sich die ihm dort be-kannten Tatsachen vor Augen geführt hätte.

Ilaldane sei in Berlin sehr liebenswürdig aufgenommenund habe Einblicke in manche Verhältnisse bekommen, diesonst niemandem gewährt seien. In England habe man ihnaber bei seiner Rückkehr wie einen Vaterlandsverräter ge-ächtet. Ein Freund Haldanes, der englische SchriftstellerBegbie, habe in einer 1916 erschienenen BroschüreVihdi-cation of Great Britain Ilaldane verteidigt und anerkannt,dass unser Kaiser eine Verständigung mit England gewünschthätte. Ueber solche Tatsachen hätte Lichnowsky unterrichtetsein und darin den Beweis linden müssen, dass Deutschland keinen Krieg mit England wollte.

Abgeordneter H a a s e bemerkte, dass sich dio Debattezum grössten Teil mit der Persönlichkeit des Fürsten Lich-nowsky beschäftigt habe und an wichtigen Fragen vorbei-gegangen sei. Er nehme Abstand, auch seinerseits die offen-sichtlich auf persönlichem Gebiete liegenden Mängel derLichnowskyschen Denkschrift zu kritisieren, auf die Ent-stehungsgeschichte des Krieges wolle er nicht eingehen. DieDebatten, die hier gepflogen worden seien, erreichten denZweck der Aufklärung nicht, wenn der Herr Reichskanzlernicht zum mindesten den Depeschenwechsel zwischen der Re-gierung und dem Fürsten Lichnowsky und die sämtlichenNoten vorlege, die die deutsche Regierung mit dem Bot-schafter in Wien und mit der österreichischen Regierunggewechselt hat. Das Bedürfnis nach Aufklärung gebiete es.die Berichte des Fürsten Lichnowsky vorzulegen. Er bean-trage die Vorlegung dos gesamten Materials, wie er es wieder-holt im Reichstag verlangt und auch dom Herrn Vizekanzlergegenüber angeregt habe. Solange dies nicht geschehe, hättenalle Erörterungen nur einen apologetischen Zweck.

Der Stellvertreter des Reichskanzlers antwortete noch,dass die Prüfung der Frage, ob ein strafrechtliches odeTdisziplinarisches Verfahren gegen den Fürsten angezeigt er-scheine, durch das Reiclisjustizanit geprüft worden sei. Daboihabe sich ergeben, dass aus verschiedenen rechtlichen Griindeuweder eine Verfolgung des Fürsten wegen diplomatischenLandesverrats im Sinne des § 92 R.St.G. noch eine solche aufGrund des § 89 R.St.G., noch eine solche auf Grund des § 353 a,des sogenannten Arnimparagraphen, Aussicht auf Erfolg ge-boten hätte. Die Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegenden Fürsten komme nach seiner Verabschiedung überhauptnicht mehr in Betracht. Die Veröffentlichung von Artikeln inder Presse sei dem Fürsten vom Auswärtigen Amt untersagtworden, welche Bedeutung das Verbot nach seiner Ver-abschiedung habe, müsse zunächst dahingestellt bleiben.

Unterstaatssekretär von Stumm erwidert auf dieAnfragen, wer für dio Ernennung des Fürsten Lichnowskyverantwortlich sei, was sie veranlasst habe, und weshalb ervon seinem Posten nicht abberufen worden sei, dass die Er-nennung von Seiner Majestät dem Kaiser im Einvernehmenmit dem für die Ernennung verantwortlichen Reichskanzlererfolgt sei. Der Fürst habe eine Reihe diplomatischer Stel-lungen im Ausland, zuletzt als Botschaftsrat in Wien bekleidetund sei eine, Zeitlang als Vortragender Rat im AuswärtigenAmt beschäftigt gewesen, ln all diesen Stellungen habe er

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