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zweifelhaft. Die gemeinschaftlichen Pläne wurden durchregelmässig wiederkehrende Beratungen zwischen den eng-lischen und französischen militärischen und maritimen Instanzenauf dem Laufenden gehalten. Die Bedingungen für dasEfiektivwerden des gemeinschaftlichen Handelns der beider-seitigen Land- und Seestreitkräfte waren nicht formuliert, essollte vielmehr im gegebenen Fall darüber entschieden werden,ob gemeinschaftlich zu handeln sei.
Die englische Eegierung war also formell berechtigt zubehaupten, eine vertragsmässige Bindung sei von ihr Frank-reich gegenüber nicht eingegangen worden. Materiell jedochist klar, dass die Aufstellung gemeinschaftlicher Operations-pläne zwischen zwei Grossmächten und die fortlaufende Be-ratung über solche Operationspläne kein müssiger Zeitvertreibsein kann, sondern — schon wegen des intimen Einblicks, denjeder Teil in die Wehrverhältnisse des anderen erhält — nurdann möglich ist, wenn im Prinzip beiderseits die ernstlicheAbsicht des Znsammenwirkens besteht. Um diesen materiellenKern des formell nicht bindenden Briefwechsels zu beleuchten,sei auf die Tatsache hingewiesen, dass Frankreich , gestütztauf den mit England vereinbarten Operationsplan, seine Flotteim Mittelmeer konzentriert und den Schutz seiner Küste amKanal und am Atlandischen Ozean der englischen Flotte über-lassen hat. Ergaben sich aus dieser sehr materiellen Tatsachefür England wirklich keine zum mindesten moralischen Ver-pflichtungen?
Sophisten suchen mitunter nicht nur andere, sondern auchsich selbst zu täuschen. Auch Sir Edward Grey scheint beimBeginn des Konflikts sich selbst eine Freiheit vorgetäuschtzu haben, die er innerlich nicht besass. Nur so lässtsich die merkwürdige, von vornherein zum Scheitern ver-urteilte Kolle erklären, in die sich Sir Edward begab: Erwollte Vermittler sein, avo er in Wirklichkeit Partei war.
Gewollt oder ungewollt, musste diese Zwitterstellung zurUnaufrichtigkeit führen.
Man braucht nur im englichen Blaubuch (No. 17) zulesen, was Sir G. Buchanan bei Beginn der Krisis, am25. Juli, Herrn Sasonofl auf dessen Drängen nach einerSolidaritätserklärung Englands mit Frankreich und Russland antwortete:
"I said that England could play the rôle of mediatorat Berlin and Vienna to better purpose as friend who, if hercounsels of moderation were disregarded, might one daybe converted into an ally, than if she were to declareherself Russia's ally at once" (Ich sagte, dass England dieRolle eines Vermittlers in Berlin und Wien mit besseren Aus-sichten spielen könne, wenn es als Freund erscheine, der, wennseine Ratschläge zurMässigung nicht geachtet würden, sich einesschönen Tages in einen Alliierten (nämlich Russlands ) ver-