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Die Entstehung des Weltkrieges im Lichte der Veröffentlichungen der Dreiverbandmächte / Karl Helfferich
Entstehung
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wird vor dem Richterstuhl der Geschichte die Be-hauptung, dass Deutschland den Krieg gewollt undverursacht habe, in nichts zerfallen, Russland istals der Brandstifter, Frankreich und England sindals die Mitschuldigen erwiesen.

Es liegt nicht im Rahmen dieser Darstellung, in den Ur-grund der verhängnisvollen Verkettung von Einzelvorgängenund Einzelhandlungen hinabzusteigen, die in den Tagen vom24. Juli bis zum 4. August den grössten und blutigsten Kriegder Weltgeschichte heraufbeschworen haben. Es genüge dieAndeutung, dass diese Einzelvorgänge und Einzelhandlungen,dass die Worte eines Grey, eines Cambon und Sasonoff, dassdie Handlungen des Ersten Lords der britischen Admiralitätund des russischen Generalissimus Worte und Handlungen,die an sich gegenüber der grossen Menschheitstragödie kleinerscheinen mögen nnr die in der entscheidenden Zeit andie Oberfläche getretenen Manifestationen der Kräfte sind,deren Walten die Weltgeschichte unserer Zeit ausmacht:

Bei Russland der Drang nach der Vorherrschaft im nahenOrient, doppelt stark seit der Niederlage im Krieg mit Japan, und entschlossen, bei Aussicht auf Erfolg jeden Widerstandder Zentralmächte gewaltsam zu brechen.

Bei Frankreich die verhängnisvolle Orientierung der Ge-samtpolitik nach dem negativen Pol des mit Furcht gepaartenunversöhnlichen Revanchedurstes, auslaufend in die immer-währende Bereitschaft, mit jedem starken Gegner Deutschlands gegen uns zu marschieren.

Bei England der Handelsneid gegen jede aufstrebendeWirtschaft, dazu die instinktive Gegnerschaft zur stärkstenKontinentalmacht und die Tradition der gewaltsamen Unter-drückung jedes kontinentalen Strebens nach Seegeltung.

Diese heterogenen Kräfte haben das Netzwerk derEntente gesponnen, das der kleinen Minderheit der den Kriegentschlossen Wollenden zum furchtbaren Werkzeug wurde,und in dem die große friedliche Mehrheit der Völker Russ-lands, Frankreichs und Englands sich rettungslos verfing:Russlands Stellungnahme zu Oesterreich-Ungarn in der ser-bischen Frage stellte die Entente vor die entscheidende Be-lastungsprobe; es ist kein Zweifel, dass ein Wort der WeigerungFrankreichs genügt hätte, die Kriegspartei in Russland nieder-zuhalten; es ist zum mindesten sehr wahrscheinlich, dassein Wort der Weigerung Englands Frankreich zurück-gehalten haben würde; es ist unbedingt sicher, dass jedesWort der Ermutigung von Seiten Englands den Kriegs-parteien in Frankreich und Russland das Uebergewicht ver-schallen musste. Auf der anderen Seite ist ebenso gewiss',dass ein Sich-Entziehen Frankreichs oder Englands, mochtedas Beiseitestehen in den Verträgen und Absprachen noch sosehr seine formelle Berechtigung finden, das dreifache Ein-