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Erzberger gegen Helfferich / [mit Beiträgen von Fritz Zinnecke, ...]
Entstehung
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Strick gedreht werden sollte. 4) Man warf auf Helfferichs Tisch Briefe, ohnedaß der rechtmäßige Absender und Empfänger anzugeben Mißte, wie diesgeschehen. Vom Portier bis zum Großindustriellen schrieb man Briefe undbot sich als Zeuge an. Recht interessante Einzelheiten kamen darüber vorGericht zur Sprache. Ein ausgedehntes Netz war es, dessen Fäden inHelfferichs Hand zusammenliefen nnd in dessen Maschen, er Erzberger zufasgen gedachte.

Während so der Prozeß gegen Erzberger mit voller Ueberlegung pro-voziert wurde, ward draußen im Lande bis hinein in den letzten Winkel dieErzbergerhetze insizeniert, die von den Tagen des Juni bis zur Stunde sovergiftend in unserem Volke gewirkst IM In Wort, Schrift und Bild wurdeder Reichsfinanzminister als das Uebel hingestellt, als die Ursache«ll unseres Elends und Unglücks. Kein Gebiet des öffentlichen und privatenLebens, aus dem nicht unter dem Gtichwort Erzberger die Geister gegen-einander gepeitscht wurden. In den sich daraus erhebenden politischen undwirtschaftlichen Kämpfen und vor allem auch aus den zugleich gsschürtcnkonfessionellen Streitigkeiten 5) verstand es die Reaktion, die Erzberger sa^teund die Demokratie meinte, trefflich im Trüben zu fischen. Der dunkelsteFleck dieses dUnNen Kapitels aber ist mild bleibt das Hereingerren der pri-vaten und Familieiiverhältnisse des Verfolgten in den öffentlichen Streit 6).Es hieße Eulen nach Athen tragen, hier das Gesagte der Oeffentlichkeit durchBeispiele W illustrieren. Kein Mittel hat die Reaktion verschmäht, Erzbergerunmöglich zu machen, um mit dem Mann das System zu treffen.

Das war wohl auch der Gedanke der Rowdies vom Weimarer Frei»korps, die Erzberger in den Tagen des Friedensschlusses zu lynchen ver-suchten, der revolvertragenden Reichswehrosfigiere, die die Auftritte in derPhilharmonie herbeigeführt, als Erzberger sprechen sollte, des Oltwig vonHirschfeld, der edelsten Blüte dieser Erzbergerhetze, der für seine Heldentatzwar nicht gleich Arko in München mit lobendem Worte begnadigt wurde,aber doch auch nur einer Pssudostrafe verfiel.

Wahrend so die Erzbergerhetze ztvar noch nicht diese Höhe erreicht hatte,aber doch schon ihre Orgien in Presse »md Versammlung 'feierte, berietdas Reichsminisierimn, ob Klage gegen Dr. Helfferia) zu erheben sei. Am1. September beschloß das ReichKabinstt auf Grund der Prüfung dcSReichsj,ustiMimsters den Strafantrag zu stellen, tvvs dann gegen Ende de?MonatS nach ErZbergers Rückkehr aus Urlaub geschah.

Man kann den großen Gsstus, der in der Erhebung dieser Klage liegt,vtls ein Zeichen der Demokratie ansprechen, die die Integrität ihrer füh-renden Männer vor einem in aller Freiheit tagenden Tribunal erhärtenlassen will. Man kann aber auch darin erblicken ein Zeichen großer Torheit.

Ms in England führenden Ministern in der sogenannten Markoin-affäre persönliche Unkorrektheit vorgeworfen wurde, beantragte AsauithUntersuchung und Beur-teilung der Angelegenheit durch einen parlanien-tarischen Ausschuß. Nicht also vor einem gewöhnlichen Gerichtshof mit zu-fällig WsvmmeiigÄvürfÄier Staatsanwaltschaft und Richterssollegium solltenEnglands angeschuldigte Minister erscheinen, obwohl im Lande der demo-kratischen Tradition gewiß nicht die Befürchtung bestand, daß die beamteten

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