Versorgung wirkte im vaterländischen Interesse. Es hing der Sieg wesent-lich von ihr ab. Die Regierung hat dieser Auffassungnicht immer das volle Verständnis entgegengebracht. Dazukam noch ein eigentümlicher Umstand., der nämlich, daß die Groß-industrie immer nur durch die Nationalliberalen! — ich darf hinzufügen,durch die rechts stehende Hälfte der Nationalliberolen und allenfalls durchdie Freikonscrvativen vertreten war.' Sie hatten ja aber keine Mehrheit,wenn nicht etwa von anderer Seite Zuzug kam>. Es war deshalb HerrnThyssen wünschenswert, daß dazu eine große Fraktion hinzutrat und alssolche kam für Thyssen, der katholisch war, die Zentrnmssraktion in Be>tracht. Diese bestand wesentlich aus Agrariern und Mittelstandsleuten, undnur wenige Industrielle waren darunter. Der Gedanke des alten Thyssenwar also ganz gesund, die Zentrumspartei zu industrialisieren, bei ihr Ver-ständnis für die Fragen der Schwerindustrie zu erwecken. Er war dazuschon in gewissem. Grade übergegangen, er hatte in größerer Zahl auchbereits Abaeodnete der großen Zentrumsfraktion zu sich eingeladen, ihnenseine Werke gezeigt und seine Interessen erörtert. Es war ihm klar, daßin seinem Aufsichtsrat such ein Mitglied dieser Zentrumspartei vertretensein müsse, das mit Verständnis diesen Interessen gegenübertrete.
Dazu suchte er sich denn den Abgeordneten Erzberger aus. Warumober gerade diesen? Einerseils deshalb, weil er schon seit einigen Jahrenmit ihm in Verbindung war und weil er andererseits seinen unendlichenFleiß, seine große Klugheit und seine außerordentliche Umsicht in hohemMaße zu schätzen wußte. Bor allen Dingen aber auch, weil er seinen„vornehmen Charakter" ganz besonders hoch bewertete.
Der vierte Grund war mehr auf die Sonderinteressen seines Konzernsgerichtet. Es hatte sich nach seiner Auffassung die Situation entwickelt, daßoiejenigen Werke, die der alte Thyssen, mit einem gewissen Humor als dieevangelischen Werke bezeichnet, ein klein wenig von der Regierung be-vorzugt würden, namentlich der Phönix,, die Gute°HosfnungZhütte. Dannschien den Kruppschen! Werken und den Werken von Stumm eine ArtMonopol in Panzerplatten eingeräumt zu sein. Man kann es daher demälten Thyssen nicht verdenken, wenn er nun seinerseits hoffte, auf dieseWeise mit in gleicher Reihe mit den nationalliberal vertretenen Werkenzu kommen. Wir wissen ja, wie der TlHsselv-Konzern zurückgesetzt wurdeund wie alle möglichen Gründe hierfür geltend gemacht wurden.
Das sind die vier Gründe, die den alten Thyssen bewogen, Herrn Erz-berger aufzufordern, in den Aufsichtsrat einzutreten. Verlangt man jedochderartiges, so versteht es sich von selbst, daß man dem Betreffenden auch eineVergütung anbieten muß. Wr gewöhnlich geschieht dies auf dem Wege derTantieme nach Prozenten,. Das ging bei den Thyssen-Werken nicht, weilsie ein Familienunternehmen darstellen, das keine Dividende auswarf unddas seinen Gewinn wieder- in die Werke zur Vergrößerung und Aus-gestaltung hineinsteckte. Die anderen Auffichtsratsmitglieder gehörten zurFamilie Thyssen, und hierzu kamen dann noch die Direktoren des Thyssen-Konzerns. Deshalb mußte nran Herrn Erzberger eine feste Vergütung an-bieten, die mit 40 000 Mark bei der Größe des Konzerns durchaus mäßig
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