Wahrheit sagen. Wer tatsächlich war ein vorläufiger Wendepunkt in derFrage, ob Herr v. Bethmann bleiben könne, für Erzberger erst am Abeniodes 7., und zwar auch nur vorübergehend, eingetreten, als die ObersteHeeresleitung, ohne die Abgeordneten zu empfangen, wieder abgereist war.
Uebrigens möchte ich in bezug auf die Resolution noch eins sagen,woraus ich ganz besonderen Wert lege. ' Am Nachmittag des 6. halte Erz-berger mit Bethmann eine Rücksprache. Bei dieser Rücksprache jagte Beth-mann: Sie überfallen mich ja wie Ziechen aus dem Busch. Erzberger ant-wortet: Nun, mein Gott, wir haben so ost über diese Frage gesprochen,worauf Bethmann sagte: Nun, dann habe ich es anders aufgefaßt. Herr». Beihmann-Hollweg entsinnt sich der Bemerkung nicht mehr, hat sie aberauch nicht in Abrede gestellt. Das ist die richtige Auffassung solcher Dinge,aber nicht die, zu sagen: Der eine'sagt dies,, der andere !?twas Abweichen-des, folglich hat der eine gelogen. Dann müßten in solchen Fällen unend-lich viele Menschen lügen.
Nnn weiter, es geht ganz dramatisch zu, Szene auf Szene. Am Sonn-tag haben alle Leute anscheinend Ruhe gehalten. Aber am Montag, den 9.,hat eine Besprechung der Zentrumsabgeordncten stattgefunden, und da hat«> Erzberger folgendes gesagt — es ist vorgelesen worden: „Wenn nun einesolche Kundgebung, die unbedingt nötig ist, gefaßt würde, so erhebe sich dieFrage, ob dieses gewaltige Instrument auch den richtigen Handen anver-traut sein wurde. Der Reichskanzler habe bisher zu den verschiedenen An-regungen keine präzise Haltung eingenommen. Die erste Voraussetzungsür ein solches Vorgehen des Reichstages sei aber, daß sich die Regierungklipp und klar auf den Standpunkt einer solchen Resolution stelle; dennsonst sei die Arbeit des Reichstags nur halbe Arbeit und trage tden Todes-keim in sich. Der Kernpunkt der Sache sei eine Aare Erklärung desReichskanzlers, ob er geucigt sei, auf den Standpunkt der Kundgebung desReichstags, die noch formuliert werden müsse, uns die in den nächstenTagen vorgelegt werde, zn treten, um zu wissen, ob eine wirkliche Har-monie Zwischen der Reichstagsmehrheit und dem Reichskanzler vorhandensei. Kein Abgeordneter würde in der Frage des Rücktritts des Reichs-kanzlers einen Druck auf diesen ausüben; denn die Entscheidung darüberunterliege in erster Linie der Beurteilung des Kanzler? selbst. Der Kern-punkt sei, ob er die Formet akzeptiere oder nicht."
Zum Schlüsse dieser Besprechung am Montag beschloß, wie sowohlGiesberts als Erzberger mitteilen^ der Vorstand der Zentrumsfrakuo»wörtlich:
„Der Vorstand sieht das Verbleiben des Herrn v. Betchmann-Hollweg im Reichskanzleromt angesichts des Umftandes, daß er beimAusbruch des Krieges die Reichsgeschäfte leitete, als eine Erschwc-rung bezüglich der Anbahnung des Friedens an. Er überläßt es je-doch dem pflichtmäßigen Ermessen des Reichskanzlers, zn welchemZeitpunkt er seinen Rücktritt nimmt."Sie sehen, daß der Vorstand also über die Anregung Erzbergers hin-ausgeht. Erzberger hatte eben gewisse Beziehungen der Treue zum NeiHs-''"'.'.zler, mit dem er solange zufammengearbeites hatte, und trennte sich nich>.
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