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Vertrauliche Briefe aus dem Zollparlament : <1868 - 1869 - 1870> / Ludwig Bamberger
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ein Uebel nicht so sehr an seinen sichtbar zu Tagetretenden Wirkungen, als am Sitz und Grund seinerUrsache zu heilen ist. Unsere mangelhaften Parlaments-bildungen sind die unvermeidlichen Folgen unseres nochso unvollkommen ausgebildeten, ja man kann sagen bar-barisch ungeordneten Staatswesens. Von der Nothwen-digkeit in einen grossen geschlossenen, nach dem Vor-bild anderer Völker geeinigten Staate einzutreten, mussder Sinn der Nation sich durchdringen. Dann wirdsich auch die Parlamentsreform von selbst ergeben. Undan dem Verständniss für diese höhere Notliwendigkeitgebricht es noch ganzen Strichen und Schichten inunserem Vaterland. Das hat die Erfahrung der letz-ten zwei Jahre gelehrt. Nicht mehr können wir, nachfrüherer, schwächlicher Art, die Fürsten oder den Bun-destag mit der Schuld unseres verwahrlosten Zustandesbelasten. Das gesammte Volk, mit freier Ausübungdes Wahlrechts versehen, hatte die Gelegenheit seineStimme zu erheben. Läge nicht noch über grossenKreisen die träumerische Dämmerung politischer Ur-theils- und Wünschelosigkeit ausgebreitet, so wäre derRuf nach Einheit mit einer Kraft emporgedrungen, demkein Competenzbedenken von Innen noch von AussenHalt geboten hätte.

Diesen Einblick in die politische oder vielmehr indie unpolitische Denkart eines grossen Theils unserer