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genossen, die hier ihr Glück machten, aus dem Posen-schen. Seit 1866 ist fast das halbe GrossherzogthumPosen nach Berlin eingewandert, ist die Zahl der hie-sigen Juden von 20,000 bis 50,000 gestiegen. DieKinder Israel vermehren sich in Berlin ebenso heftigwie einst in Aegypten , und es sind durchgehendswohlhabende und reiche Leute; wirklich arme Judenkommen hier nicht vor. *) Das Klima von Berlin , wie-wol es ihm sehr an Ozon mangelt, bekommt den Nach-
*) Natürlich will das sagen: es giebt unter der BerlinerJudenschaft kein eigentliches Proletariat. Dagegen fehlt dsselbstverständlich nicht an Wittwen und Waisen, Altersschwa-chen. Arbeitsunfähigen und Kranken. Für diese hat die reicheJudengemeinde in reichlicher Weise gesorgt; es bestehen eineMenge von wohltlhitigen Anstalten, Stiftungen und Vereinen.Auch tauchen an den ,.hohen jüdischen Festtagen“ regelmässigScliaaren jüdischer Bettler auf. Das sind aber nicht einhei-mische, sondern polnische Juden, die es wahrscheinlich garnicht nöthig haben; die bei ihren hiesigen Glaubensgenossennur Gastrollen geben, und stets ein gutes Geschäft machen.Juden dagegen, die in Berlin Handel treiben — und das thutnoch immer die grosse, übergrosse Mehrzahl — kommen hierüberraschend schnell zu Geld und Besitz, zu Wohlstand undBeichthum, zu Einfluss und Macht. Gar viele, die vor wenigenJahren mit dem Packen auf dem Bücken, in dünnem Eockchenund geflickten Hosen einzogen, haben heute einen hochelegantenLaden oder ein grosses G'omtoir, sind Hausbesitzer, Wahlmännerund Stadtverordnete, halten Equipage und Dienerschaft, führenin den Versammlungen das grosse Wort und geben in der Ge-sellschaft den Ton an.