LÖHNE, ARBEITSZEIT UND ARBEITHRAUM. 71
Rhein entlang laufen die Maschinen bereits wieder mindestens12 Stunden. 1
Aus den 70er und 80er Jahren erzählen uns die Fabrik-inspektoratsberichte und Zeitungen Beispiele der schlimmstenArt über die Ausdehnung der Arbeitszeit. 15 Arbeitsstundenper Tag waren nichts Seltenes in diesem Gewerbszweig,der doch an die verschiedensten Organe des Arbeiters sehrgrosse Anforderungen stellt. Da, wo ein heranwachsenderSohn oder eine kräftige Tochter in der Familie war, kames sogar vor, dass man mit zwei Arbeiterschichten zeit-weise einen kontinuierlichen Betrieb einrichtete: als Stickerfungierten Vater und Sohn bezw. Tochter, als Fädler Frauund jüngere Kinder. Und diese „ewigen Maschinen“ standennicht etwa bloss im Vorarlberg, das in der Schweiz immerals der Herd aller Übelstände angesehen wird, sie exi-stierten auch auf der anderen Seite des Rheins, wie zahl-reiche amtliche Berichte darthun. 2
Dieses trübe Bild wird erfreulicher Weise dadurchetwas gemildert, dass bis auf den heutigen Tag die Sonn-tagsarbeit in der Stickerei fast ganz unbekannt gebliebenist. Man benützt höchstens hie und da ein paar Stundendieses Tages zum Reinigen des Lokals und des Arbeits-geräts.
Der Kinderarbeit müssen wir in Bezug auf ihre Dauernoch speciell einige Worte widmen. An sich wäre ja dieHeranziehung der Kinder zur Arbeit gar nicht so zu ver-dammen, sie wird aber im höchsten Grade gefährlich durchdie tägliche lange Dauer, die nun einmal unzertrennlich vonder Heimarbeit zu sein scheint. Die vor der Zeit des Ver-bandes erschienenen „Berichte der Fabrikinspektoren undKantonsregierungen über die Ausführung des Fabrikgesetzes“weisen immer wieder auf die verderbliche Ausnutzung derKinder bei den Einzelstickern hin. „Ein traurigeres Loos“
1 Dies gilt für das Jahr 1893, für 1894 dürfte es nicht zutreffen,da in diesem Jahre grosser Arbeitsmangel herrschte.
2 Vgl. Quellenangabe No. 7 Jalirg. 1878—82. S. 74, ebenda S. 75,Jalirg. 89/90, S. 69.