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VJ. KAPITEL.
schlechterung der „einst so schönen Industrie“, wie manwehmütig in der Schweiz sagt, und nicht viel geringer ist.der andere Nachteil, der Druck, den die Landwirtschafttreibenden Sticker auf die Löhne ausüben. Sie sind froh,wenn sie überhaupt Arbeit erhalten, und es kommt ihnendaher nicht so sehr darauf an, ob sic per 100 Stich einpaar Rappen mehr oder weniger erhalten. Wohl aber leidenunter dem dadurch hervorgerufenen Preisdruck ihre reinhausindustriellen Genossen. Die Stimmung der letzterengegen die ersteren lässt deutlich erkennen, wie tief dereben besprochene Ubelstand von ihnen empfunden wird.
Was soll man nun wünschen? Soll die Nebenbeschäf-tigung der Sticker mit der Landwirtschaft verschwinden,soll sie bestehen bleiben?
Nach den eben angestellten Betrachtungen wird mangeneigt sein, sich für erstcres zu entscheiden. Wenn manaber die Sache nicht so einseitig betrachtet, wie wir eseben gethan haben, kommt man doch zu einem anderenResultat. Einmal darf man nämlich nicht dem bäuerlichenEinzelsticker allein die Schuld an der zunehmenden Muster-verschlechterung zuschieben. Dafür sind die Kaufleute, vorallem aber die Konsumenten, die sich zum Teil aus wenig-kaufkräftigen Klassen rekrutieren, noch mehr die treibendeUrsache gewesen. Dann aber muss man nicht mit derVergangenheit, sondern mit der Gegenwart rechnen. Daliegen aber die Verhältnisse eben so, dass der Markt nichtnur ordinäre Ware verlangt, sondern dass auch der Begehrsich nicht mehr mit der früheren Gleiclnnässigkeit einstellt.Bei dem kärglichen Verdienst, den heute aber die Stickereigewährt, ist es klar, dass die Mehrzahl der Grobstickersich nichts ersparen kann und für die abeitslose Zeit einenRückhalt haben muss. Man könnte daher trotz einzelnernotorisch ungünstiger Wirkungen der landwirtschaftlichenNebenbeschäftigung ihr Verschwinden nur mit Sorge be-grüssen.
Eins der erfreulichsten Kapitel ist die Schilderung derWohnungsverhältnisse der Sticker. Weitaus die meistenFamilien bewohnen ein Häuschen für sich allein, das in der