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VI. KAPITEL.
wasser 1 “, verzehrt, schwer, weil der Kartoffel in der Schweiz viel mehr als in Deutschland das odium anhängt, die Nahrungnur des armen Mannes zu sein, und doppelt schwer, weiler aus den guten Zeiten der Industrie die Erinnerung anein anderes Leben hat. Damals durfte Fleisch oder Bratenauf dem Mittagstisch, Butter und feines Weissbrod auf demAbendtisch und bei den Zwischenmahlzeiten nicht fehlen,und in den sich rasch vermehrenden Wirtshäusern wurdewohl für die Sticker ein besonderer Wein gehalten. Aberdas ist eine vergangene Zeit, heute sind die Wirtschaftenverödet, man muss sich mit zweimaligem Fleischgenuss inder Woche begnügen und ist zufrieden, wenn man nicht,wie ein Sticker sarkastisch meinte, „die Pausen für dieZwischenmahlzeiten mit Fasten ausfüllen muss“. In Bezugauf die täglichen Mahlzeiten habe ich Notizen aus allenGegenden und von den verschiedensten Leuten, sie lautenalle ziemlich gleichmässig: früh Cichorienkaffee, in bäuer-lichen Familien stark mit Milch versetzt, nebst Brot oderKartoffeln, zum zweiten Frühstück, zum „Nüni“, Brot, allen-falls mit einem Glas selbst gekelterten Mostes (Apfelweins),Mittags Mehlspeisen, selten Fleisch mit Gemüse (Kraut,Rüben), häufig Kaffee mit Milch und gerösteten Kartoffeln,Nachmittags wie zum Nüni oder Kaffee mit Brot und Abendsmeist wie das erste Frühstück oder eine Suppe. In wenigenFällen erhält das zweite Frühstück und das Abendbrot durchKäse, den „Magerkäs“ einige Mannigfaltigkeit. In Vorarl-berg und dem Rheinthal wird neben der Kartoffel auch ge-schmalztes Maismehl — Riebel genannt — gegessen, dassehr nahrhaft und nicht unschmackhaft sein soll.
Da wo Frau und Kinder fädeln, mag es wohl auchnoch oft an der richtigen Zubereitung der einfachen Kostmangeln. Diese leidet jedenfalls früher als die Bedienungder Maschine unter der doppelten Beschäftigung der Frau.Jetzt ist dieser Übelstand noch nicht so gross, da vieleder Frauen nicht bloss als Fädlerinnen aufgewachsen sind,
1 Hinweis auf die in kleinen Pnoketen zum Verkauf kommendeCichorie.