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Die Arbeits- und Wirtschaftsverhältnisse der Einzelsticker in der Nordostschweiz und Vorarlberg / von Alfred Swaine
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VII. KAPITEL.

lässt sich wohl zum Teil daraus erklären, dass infolge deslängeren Bestehens der Industrie dort die Sticker durch-schnittlich älter, über die Jahre leichtsinniger Eheschliessungalso hinaus waren, hauptsächlich aber mag es seine Er-klärung darin finden, dass der grössere Teil der Bevölkerungdes Kantons katholisch ist, die Ehe also nur schwer getrenntwerden kann.

Von den Einwirkungen, die das Sticken auf die Ge-sundheit hat, ist leider ziemlich viel Unerfreuliches zu be-richten.

Schon anfangs der 70er Jahre, als der Erwerbszweignoch nicht lange geübt wurde, machten die Rekrutierungs-ärzte und noch mehr die in Stickereibezirken wohnendenPrivatärzte auf die schädlichen Folgen des Stickens undFädelns aufmerksam. Und wenn man sich die Art der Be-schäftigungvergegenwärtigt: die halb sitzende, halb stehendeStellung, das Vorbeugen und Wiederaufrichten des Rumpfesbeim Drehen der Kurbel, die ganz bedeutende Kraft-anstrengung bei der Trittbewegung zum Lösen und Schliessender Kluppen, die fortgesetzte Inanspruchnahme, der Augen,letzteres namentlich auch bei der Fädlerin, wenn man sichdas alles vor Augen hält, so können die ungünstigen Ge-sundheitsverhältnisse nicht überraschen. Die enge Brust,die beinahe sprichwörtlich gewordene Deformation der nachvorn gebeugten Kniee er hat Kniee wie ein Sticker,sagt man sind Erscheinungen, die auch dem Laien auf-fallen und in den Rekrutierungslisten sicherlich einen Aus-druck finden müssen. Diese Listen aus den Jahren187779 liegen den Darstellungen Dr. Schülers zuGrunde. 1 Die Militärdiensttauglichkeit der Bevölkerung imallgemeinen zeigte damals in den drei Kantonen St. Gallen,Appenzell und Thurgau, verglichen mit anderen Teilen derSchweiz, ein mittleres Verhältnis, sie betrug 48°/o. 2 Dass

1 Vergl. Quellenangabe No. 19.

2 Das hat sich übrigens im Lauf der letzten Jahre zu Ungunstender Sticker-Kantone verändert. In den Jahrgängen 1884 89 warendurchschnittlich von 100 definitiv Beurteilten untauglich:

In Appenzell A. Rh. 45