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Die Arbeits- und Wirtschaftsverhältnisse der Einzelsticker in der Nordostschweiz und Vorarlberg / von Alfred Swaine
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VIII. KAPITEE.

nicht bedeutend überschritten wurde. Den Häusern derletzteren Art war natürlich der Minimallohn ein Dorn imAuge, ihre Stärke bestand in der Billigkeit gegenüber denanderen Firmen, und dieser Vorzug war ihnen jetzt ge-nommen. Der Teil der Kaufleute aber, der mehr das Ordre-geschäft pflegte, hatte aus der Lohnfixierung einen um sogrösseren Nutzen, als er gewöhnlich schon früher kaumbilligere Löhne gezahlt hatte.

So sehen wir, dass die Festsetzung eines Lohnminimumsnicht die Folgen gehabt hat, die man theoretisch von ihrerwarten durfte: sie hat den Arbeitern nicht den erwartetenNutzen, den Arbeitgebern nicht den gefürchteten Schaden,einem Teil der letzteren sogar direkt grosse Vorteile ge-bracht. Und gerade darum ist sie für uns so lehrreich,zeigt sie doch deutlich, nicht abstrakte Deduktion, sondernlediglich praktische, empirische Forschung lehrt uns gesell-schaftliche Vorgänge beurteilen und würdigen.

Im Anschluss an dieses Lohnthema wollen wir dieMassnahmen betrachten, die der Verband ergriff, um denfestgesetzten Minimallohn auch zu gewährleisten. Vor allemmusste man versuchen direkte Nichtbeachtung der Vor-schriften zu verhindern. Zu diesem Zweck stand denKontrolleuren der Sektionen und der Centralleitung dasRecht jederzeitiger Einsichtnahme in die Bücher zu, diejeder Arbeitgeber zu führen verpflichtet war. Ebenso konntendie Kontrollorgane, wann es ihnen beliebte, sich die Arbeits-noten der Sticker, die diese aufzubewahren hatten, vorlegenlassen. Den Schuldigen trafen Strafen von 10200 Fr.Aber wie uns erinnerlich ist, giebt es eine Unmenge vonMitteln, den Arbeiter auf Umwegen um den Lohn zu kürzen,so die Unsitte, nicht alle Stiche zu zählen, die Übervor-teilungen bei Garnlieferungen, vor allem aber die willkür-lichen Abzüge und Retouren. Gegen all diese Ungerechtig-keiten wandte sich der Verband. Gegen die Prellerei beider Stichzählung wurde ein genaues Stichzählungsregulativausgearbeitet, das in seitenlangem Detail erklärt, wie dieStiche gezählt werden müssen. Übervorteilungen bei Garn-lieferungen aber wurden dadurch zu verhindern gesucht, dass