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VIII. KAPITEL.
Schicksal erreicht hatte. Damit war eine der Säulen desVerbands gefallen, und zusehends zerbröckelte der ganzeBau, wenn auch langsamer, als man nach dem aufgeregtenTon, der die Fachzeitschrift während jener Wintertage be-herrschte, annehmen möchte. Die Urabstimmung vom 1. Mai,die über das fernere Bestehen des Verbands zu entscheidenhatte, stimmte zwar mit relativ grosser Mehrheit bejahend— nur 23,8°/o anstatt der notwendigen 75°/ 0 hatten sichgegen den Verband ausgesprochen —, aber auf Ende desJahres kündigten eine Masse von Firmen und Arbeitnehmern,insgesamt 2884, ihren Austritt an. Vergeblich suchte mansie zum Bleiben zu bewegen, indem man im November dieVorschriften über den Verbandsverkehr aufhob. Sie warennicht zu halten, andrerseits aber hatte man dem Verbandnun sein eigentliches Rückgrat genommen, vielleicht denZeitverhältnissen entsprechend auch nehmen müssen. Jetztwo jeder wieder Arbeit ausgeben bezw. annehmen konnte,wie und wo er wollte, hatten die teilweise trefflichen In-stitutionen des Verbands, die noch geblieben waren, keinenWert mehr; jeder, dem sie irgend wie unbequem waren,trat einfach aus, da ja geschäftliche Nachteile nun nichtmehr damit verknüpft waren. Seit Ende 1892 spielt derVerband keine Rolle mehr. Er besteht noch, trotzdem EndeJuni 1892 weitere 2600 Mitglieder austraten. Aber seineMacht und seine Wohlthaten sind kaum mehr der Redewert. Wer noch zu ihm hält, thut es aus Pietät, wohl auchin dem Glauben, dass er vielleicht noch einmal ein Kadrebilden könnte, wenn Einsicht und Verhältnisse zu einemneuen Zusammenschluss hindrängen sollten.
Was hat nun eigentlich zu diesem Ende geführt? Wal-es wirklich, wie man in der Schweiz oft hörtr der AustrittVorarlbergs, war es wirklich die vielseitige, die Freiheit deseinzelnen beschränkende „Reglernentiererei“ ? War es, wieauch behauptet wird, das zu späte Fallenlassen des Mini-mallohns oder die Angelegenheit mit dem Industriefonds,die ja in der That das Vertrauen in die Macht des Verbandsstark erschüttert haben mag? All diese oft angeführtenGründe erscheinen mir nur sekundärer Natur zu sein. Was