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Erinnerungen / von Ludwig Bamberger
Entstehung
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Drittes Kapitel.

Eisenbahnzerstörung zu schüchtern und weil es bei dem Empfangdes Mitregeuten für meinen Geschmack zu loyalitätseifrig auf-getreten war. Ich schrieb einen Leitartikel unter der UeberschristAufregendes". Das Bürgerkomitee antwortete; ich replizierteund verlangte, daß eine Volksversammlung einberufen werde, umdas Komitee neu zu wählen und sich über die streitigen Punkteauszusprechen.

In den letzten Tagen war ich mit meinem Namen in dieOesfentlichkeit aus der bisherigen Anonymität der Zeitung heraus-getreteu. Als Redakteur hatte bis dahiu nur Karl Bölschefiguriert. Vom 4. April an erschien mein Name mit dem seinigenvereint als für die Redaktion verantwortlich.

Die Zeiten waren damals so unschuldig, daß man keinenAnstand nahm, zwei wirkliche Redakteure der Rache des Gesetzesanzubieten, wo man später sich einen Strohmann zum Sitzen suchte.So hatte der Konflikt mit dem Komitee eine persönliche Spitzebekommen, da man wußte, daß die scharfen Artikel von mirherrührten, aber im übrigen war von meiner Person noch nichtswahrnehmbar geworden. Mein Verlangen, eine große Versamm-lung einzuberufen, wurde jedoch beherzigt. Es handelte sich damalszugleich um die Vorbereitung der Wahlen zum Parlament, zurdeutschen Nationalversammlung, die vom Vorparlament beschlossenund vom Bundestag ratifiziert worden war. Die Art der Wahlwar damals den einzelnen Landesregierungen anheim gestellt nndeine der heftigst umstrittenen Fragen war die, ob das Volk seineVertreter direkt oder indirekt durch Wahlmänner ernennen solle.Die ganze liberale Partei unserer Gegend, bis in die Reihen derGemäßigten hinein, war für direkte Wahlen, die aber später nichtdurch drangen.

Ans Sonntag den 16. April Nachmittags wurde also vomBürgerkomitee eine große Volksversammlung einberufen, und zwarin den Hof des ehemalige» kurfürstlichen Schlosses. Die Lokalitätwar vortrefflich für die Sache geeignet. Der Hof ist geräumigund faßt leicht viele Tausende. Dabei ist er von allen Seitenvon mehr oder minder hohen Mauern umgeben nnd gepflastert,so daß für einen guten Widerhall des Wortes gesorgt ist. Die