Journalist und Volksredner.
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Jnnenräume des Schlosses dienten damals teils zur Lagerungvon unverzollten Waren, teils zu Diensträumen des Zollamtes.In der Mitte des Hofes war eine sehr hohe Rednerbühne aus-geschlagen. Den Verlaus der Sache kann ich nicht besser schildern,als iudem ich den Bericht wiedergebe, den ich selbst darüber indie „Mainzer Zeitung" als Leitartikel setzte. Er trng die Über-schrift:
„Eine republikanische Volksversammlung in Maiuz^).
Wir haben hente eine Kunde mitzuteilen, welche Frende undErhebung im ganzen freigesinnten Deutschland hervorrufen wird.In Mainz , der Buiidesfestuug Mainz, der Stadt, welche denUebergangspuukt vom Süden zum Norden Westdeutschlands bildet,hat die Freiheit, hat — sagen wir es kurz — die republikanischeGesinnung Boden gefaßt, einen festen, großen Boden, von dem sienicht mehr zu vertreiben sein wird. Die Entfaltung des gestrige»Tages ist so wichtig, daß wir zu dessen besserem Verständnis fürauswärtige Leser, wie zur gründlicheren Auffassung für unsereMitbürger, etwas auf die vorhergehenden Wochen zurückgehenmüssen. Die kecke, entschiedene Stimmung der ersten Märztageschieu verraucht, die Zerrüttung der Geschäfte, die Uuentfchiedenheitder Lage Deutschlands hatte verstimmt, Straßenexzesse, die aller-diugs eine etwas plumpe Auffassung der Zeiten durchschauenließen, hatten mich bei vielen Guteu Zweifel iu die Aufklärungund die Ordnungsliebe eines Teils des Volkes hervorgernfen.Die Freigesinnten wnrden stiller uud die Unglückspropheten lauter.Die vorherrschende Gesinnung war das Produkt beider Elemente,war mittelmäßig und die Mittelmäßigkeit führte das Wort. Sokamen die Tage von Frankfurt herbei: da scholl es auf einmalnach Mainz zurück, Zitz habe sich entschieden der republikanischenPartei angeschlossen, nnd gleichzeitig kamen andächtige Zuhöreraus dem Vorparlamente znrück, welche die klugen Reden der Ver-trauenspartei gierig verschlungen hatten. Sie klangen so beruhigend,so unbestimmt, so bescheiden; nichts wurde verlangt als Be-geisterung für Einheit uud Inkompetenz; da war eine beqnemeFreisinnigkeit von einer alten und reuommierten Firma gratis zuhaben. Und anf der anderen Seite, Leute, die offen von derRepublik sprachen, die eine radikale Veränderung der Dinge ver-
*) In die Sammlung der Leitartikel jener Zeit, die ich nnter dem Titel„Flitterwochen der Preßfreiheit" herausgab, und deren eine Anzahl imBand III meiner gesammelten Schriften sich befindet, hat obiger nicht Aus-nahme gefunden.
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