Journalist und Volksredner.
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Lebens. Ehemals hatte man diesen Zweck vorwiegend ins Jenseitsverlegt, und die irdische Existenz nur als eine Vorbereitung dafürbehandelt. Nunmehr gelte es aber umgekehrt, alles für das Dies-seits einzurichten. Diesen Grundsatz mittels der Volkssouveränitätdurchzuführen, sei jetzt die Aufgabe. Manche seien nun hier derAnsicht, man dürfe nur eine historisch und langsam aus demVolke selbst hervorkeimende Entwicklung dulden. Diese Auffassungrühre von Männern her, die gleich Akademikern des Fortschritts,diesem seine Grenzen vorschreiben uud sagen wollen: bis hierherund uicht weiter! Aber, wenn wir allerdings nicht aus Jahr-zehnte hinaus alle möglichen Eventualitäten unseres Beginnensausrechnen könnten, — nun eben darum, weil wir dies nicht können,dürfen wir nicht länger zusehen. Der Mensch denkt, Gott lenkt.Wir aber sagen: Wir sind reif; wir wollen nicht länger warten.Stürmischer, lang fortgesetzter Beifall. Am Schluß der Sitzungnahm Zitz das Wort zu einer großen Rede, in welcher er vor denGefahren, die von dem noch in Frankfurt tagenden Bundesratdrohten, warnte; sein Aufruf zur Wachsamkeit gegen die Reaktionerweckte hohe Begeisterung.
In der wenige Tage darauf anberaumten Sitzung kam esalsbald zu sachlichen Verhandlungen, zn denen ich die Initiativeergriff. Die Anspielung, welche Zitz auf die Machinationen deralten Bundestagsversammlung gemacht hatte, knüpfte an eineneigentümlichen Vorfall au. Es war bekannt geworden, daß jeneKörperschaft ihr Augenmerk vor allem darauf richtete, künftigenÜbergriffen des demnächst beginnenden Parlaments vorzubeugen.In der Sitzung vom 4. Mai hatte ein Mitglied ein Promemoriaverlesen, welches sich mit Vorschlägen dieser Art beschäftigte. DerGrundgedanke war der, daß ein regelrechtes Verfahren, um dieselbständige Festsetzung der Machtgrenzen der konstituierendenNationalversammlung in Sachen ihrer Kompetenz zu verhindern,schwer in Gang zu bringen sein möchte; daher die Klugheit eher ge-biete, von seiten der Landesregierungen sich Einfluß aus die Wahlenzu verschaffen, damit eine denselben geneigte Mehrheit hervorgehe.Nun war es gar der großherzoglich hessische Geheime Rat, Herrvon Lepel, welcher Urheber dieses unglücklichen Aktenstückes war.Dasselbe erregte natürlich überall den lebhaftesten Unwillen, zu-
Bambergers Erinnerungen. A