316
Siebentes Kapitel.
Er war aus einer sehr katholischen Familie, und wie denmeisten Franzosen war ihm im Grunde der Seele, bei sonstphilosophischem Deuken, ein Stück kindlicher Anhänglichkeit andie Kirche zurückgeblieben. Auch die schon erwähnte spezifischfranzösische Art schwärmerischer Zärtlichkeit für seine alte Muttergehörte zu seinem Wesen; die Korrespondenz zwischen Mutter undSohn, in die ich manchmal Einblick bekam, war rührend.
Für die Unterhaltung im Freundeskreise hatte er sich nachund nach einen eigenen Jargon gebildet, der aus allerhaudbildlichen Stichworten, namentlich zn künstlerischen Definitionen,zusammengesetzt war. Seine guten Bekannten nnd die Getreuendes Ateliers hatten ihren Spaß daran und waren darauf ein-geschult. Kam aber einmal ein Uneingeweihter und namentlichein prosaisch verständiger Alltagsmensch hinzu, so ward ihmetwas unbehaglich bei dem Versuch, zu verstehen, und kopfschüttelndging er weg, als wollte er sagen: Mit dem ist's im Ober-stübchen just nicht richtig.
Große Stücke hielt er ans seinen älteren Frennd, den MalerChenavard , zn dem er verehrungsvoll ausblickte, obwohl diesermit seinen Leistungen lange nicht so durchdrang wie sein jüngererFreund.
Über Chenavard habe ich in der Nation (No. 39, vom29. Juni 1895) ausführlicher gesprochen, und ich glanbe ambesten zu thun, wenn ich das damals Gesagte wörtlich hiereinfüge. Denn auch das nicht streng auf Chenavard bezüglicheträgt zur Illustration meines Lebens in Frankreich und derdamals herrschenden Atmosphäre bei.
Der Artikel erschien nnter der Überschrift: Mein FrenndChenavard bei Gelegenheit seines Todes (Ricard war schon 1873gestorben) uud lautete wie folgt:
Das Geschlecht, welches nach dem Kriege heranwuchs, wirdsich nie eine Vorstellung machen von dem angenehmen Ver-hältnis, welches in Paris zwischen gebildeten Deutschen undFranzosen bestand. Liest einer von uns Alten jetzt z. B. dieTiraden, welche jüngst in der französischen Kammer und gar inder Presse aus Anlaß der Kieler Feste losgelassen wurden, sofühlt sich in ihm der menschliche Geist gedemütigt durch den