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Einblick in die Hinfälligkeit alles dessen was ihn ausfüllt undihm Wert zu geben scheint. Man muß sich allerdings hüten, dieIdeen einer Nation nach den Reden ihrer Parlamente oder garnach den Artikeln ihrer Blätter zu beurteilen. Sie geben nichtselten nur das Mindestwerte, besonders wenn es unter derFahne des Patriotismus einhermarschiert; denn eben weil dieseFlagge alles deckt, wird sie am meisten mißbraucht. Freiheit,sagte einst jene, wie viel Verbrechen werden in deinem Namenbegangen! Vaterlandsliebe, könnte man auch sagen, wie vielAbgeschmacktheiten werden in deinem Namen vorgetragen!
Der öffentliche Geist, d. h. der, welcher sich ans der Paradezeigt, hat sich nicht nnr in Frankreich , sondern auch bei uns seitdem Kriege verändert, und das konnte gar nicht anders sein.Wenn des angenehmen Verhältnisses gedacht wird, das ehedemzwischen den Gebildeten der beiden Nationen bestand, so ist auchnicht das der Massen, welches an die Oberfläche tritt, gemeint,sondern das intimere der zehntausend Oberen höherer Kultur.Verhältnis der Massen zu einander kann überhaupt nur alsfeiudliches bestehen, aus lange angesammelter Erinnerung anKriegsleiden, die die Massen empfanden. So war es in Nord-deutschland nach der napoleonischen Herrschaft; so hatten sich inFrankreich bis um die Mitte dieses Jahrhunderts feindselige Ge-fühle gegen England erhalten als Nachwirkung der um vielehundert Jahre zurückliegenden Invasionen von jenseits des Kanals,des langen Krieges, den die Engländer auf französischem Gebietgeführt hatten. Erst der Haß gegen die Deutschen hat dieAntipathie gegen die Engländer abgelöst. Ich ennnere mich,daß in den fünfziger Jahren ein gebildeter Mann, ein hoherBeamter, einmal bei Gelegenheit zu mir sagte: „Wenn es gegenEngland losgeht, nehme ich selbst noch die Mnskete ans dieSchulter uud ziehe" mit." Die deutscheu Einmärsche von 1814uud 1815 waren zu kurz gewesen uud zu territorial beschränkt,um solche Eindrücke zu hinterlassen.
Wehe thun kann eiue Nation der anderen, indem sie denKrieg in ihr Land trägt uud jedem einzelnen das Übel fühlbarmacht. Aber Wohlthaten können sie einander selten ins Landbringen. Auch haben die Menschen bekanntlich für empfangene