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Siebentes Kapitel.
Wohlthaten kein so gutes Gedächtnis wie für erlittene Miß-handlung. So betlageu sich ja die Franzosen darüber, daß dieItaliener ihnen ihre Befreiung vom österreichischen Joch so raschvergessen hätten. Mau könnte die russischen Sympathien desheutigen Frankreichs als Gegenbeweis vorbringen. Aber dieseNnsseufreuudschast ist doch nur eiue auempfuudeue, eine inter-essierte Koketterie. Die Muschiks wissen jedenfalls nichts davon.
Ich glaube mich nicht zu täuschen, weun ich meine, daß umdie Mitte des Jahrhunderts bis zum Krieg die Deutschen inFrankreich, oder, was dasselbe ist, in Paris die beliebtesten Aus-länder unter den Gebildeten waren.
Deutsche Wissenschaft hatte feit dem Eude der Restaurationeinen wachsenden Einfluß gewonnen. Mit dem Philosophen Cousinungefähr hatte es angefangen, dann kam die deutsche Philologie,besonders in ihrem romanischen Zweig, dann die Theologie undGeschichte. Eine ganze Gruppe berühmtester Männer war mitdeutscheu Studien genährt und deutschem Geist zugethan Manbraucht nur zu erinnern an Gaston Paris , Neuan, Taine,Edmond Scherer . Die deutscheu Gelehrten und Litteraten, welchein Massen nach Paris wanderten und für die gute Ausnahmedankbar waren, trugen das ihre dazu bei, das gegenseitige Wohl-gefallen warm zu halten. Sie fanden auch in höheren Staats-anstellungen willige Aufnahme. Man hatte beinahe noch einenVorsprung, wenn man ein Deutscher war.
Nicht so stand die Sache in den Kreisen der Kunst. DieDeutschen, welche anch hier freundlich aufgenommen wurden,brachten nichts von der Heimat mit, sondern bildeten sich nachden Franzosen und mit vollem Recht. Winterhalter, Knans,Henneberg, Karl Müller, Heilbutt), Heinrich Lehmann, Schlesingerentfalteten ihr Talent im Schooße der blühenden Malerschulender Jnlimouarchie uud des zweiten Kaiserreichs. Die französischeKnnst lernte nichts von ihnen und hatte nichts von ihnen zulernen.
Nur mein Freund, der Maler Panl Chenavard, machtedarin eine Ausnahme, uud das ist vor allem der Grund, warumich ein wenig von ihm erzählen will. Er hatte viel Deutsches insich ausgenommen und viel Deutsches geliebt und verarbeitet.