Druckschrift 
Erinnerungen / von Ludwig Bamberger
Entstehung
Seite
335
Einzelbild herunterladen
 
  

Paris .

335

Übrigens muß ich zur Steuer der Wahrheit hinzusetzen, daßich auch in Berlin schon recht gewaltige Beifallsstürme mit-anaehört habe, namentlich wenn es irgend einem Lieblina desPnbliknms galt.

Wie in allen menschlichen Dingen hat die liebe Eitelkeitauch ihr Teil au solchen Bethätigungen. Für das knnstempfindeudeIndividuum liegt ein Genuß darin, zn zeigen, wie sehr es würdigeund verstehe. In einem Punkt sind die Berliner demonstrativerals die Pariser , aber ich finde nicht, daß dies von ihrem besserenGeschmack zengt. Wenn in Paris ein Stück zum erstenmal auf-geführt wird, so wird auf dem Zettel der Name des Verfassersnicht genannt, obwohl natürlich derselbe kein Geheimnis ist. Istdann das Stück zu Ende, der Vorhang fällt und das Publikumapplaudiert etliche Freunde sind ja dafür immer vorhandenso tritt der Regisseur au die Rampe und sagt: Meine Herreuund Dameu, das Stück, welches wir vor Ihnen aufzuführen dieEhre hatten, ist von Herrn So und so. Und darauf natürlichneue Salven. Ich finde das nun viel geschmackvoller als das inBerlin übliche Erscheinen der Autoren selbst auf der Bühne,manchmal fchou im ersten oder späteren Zwischenakt. Die Bühnegehört dem Schauspieler, die beiden sind so für einander be-stimmt, daß die eine nur dem anderen zu Gesicht steht; für denDichter, der seinen Geist in der Stille walten und schaffen läßt,den man sich bei der Lampe Dämmerscheiu sitzend oder unterdem Schatten der Bäume hin und herwandelnd denkt, hat diesHerausspringen an die Rampe und das Verneigen und Kränze-aufheben etwas Histrionifches, das ihn herunterzieht. Geschmack-losigkeit hat den Brauch erfunden uud kindische Eitelkeit hat ihngefördert. Es mag ja gewagt fein, ein abwägendes Urteil aus-zusprechen, aber mir kommt vor, als sei die Schriftstellereitelkeitin Berlin noch größer als anderwärts.

Da der Redner auch ein Stück vom Schauspieler ist undfein muß, so habe ich Beobachtungen über die Geheimnisse derWechselwirkung zwischen Redner und Zuhörern aus diesem Gebietin uaturs. machen können. Einen Punkt habe ich schon ander Stelle*), wo ich über die Praxis des Redens sprach, be-Seite Soff.