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Siebentes Kapitel.
rührt: daß nämlich nichts tätlicher auf den Redner wirkt, alsdie Gleichgiltigkeit oder Unaufmerksamkeit seines Auditoriums,daß die Zeichen der Mißbilligung dem unendlich vorzuziehen sind.Ich möchte hier zur Ergänzung dieses Kapitels noch einigesbeifügen.
Was den Virtuosen Sivori im oben erzählten Fall aus demHäuschen brachte, war, auf das richtige Maß zurückgeführt,durchaus uicht unberechtigt. Wer auf lebendigem Weg sichandren mitteilt, bedarf zu seiner Leistung der Gewißheit, daß erfür die andren da ist. Sind sie geistesabwesend, stumpf, zerstreutoder zum Verstehen unfähig, so muß er das als einen Spott aufsich selbst empfinden. Nur die nebeuherlauseudeu Federn derStenographen oder fonstigen Berichterstatter können als eine ArtRettungsanker sür den Redner dienen, der sich zwar sagen muß,daß er im Augenblick pro nikilo sich anstrengt, daß aber gedrucktes später Leser finden wird. Doch habe ich immer die Ansdanerder Redner im Parlament bewundert, ohne sie zn beneiden, welchestundenlange Reden unter allgemeiner Unaufmerksamkeit haltenkonnten. Ich glaube aber, es gelingt nur unter der Bedingung,daß die Rede möglichst sorgfältig vorbereitet ist. Eine Impro-visation läßt sich gewiß nicht solange vor absolut unaufmerksamerUmgebung durchführen. Keinem von allen Vortragenden aber istder sinnfällige Beweis seines Zusammenhangs mit der Corona sonotwendig als dem Redner. Das liegt ganz und gar in derNatur der Sache. Der Virtuose, der Deklamator, der Säugeroder Schauspieler, sie alle können sich mit der Vorstellung be-gnügen, daß sie zu den Sinnen ihrer Zuhörer dringen. Zu-stimmung oder ein Reagieren derselben brauchen sie an und fürsich nicht, so ermunternd und fördernd auch Zeichen des Beifallsund stark erzielter Wirkung für sie sein mögen. Wenn keinLärm oder Mißton störend eingreift, kann es bei der einfachenLeistung ohne Echo bleiben, weil nur Rezeptivität des PublikumsHauptbedingung ist. Nicht so der Redner. Er ist auf Zustim-mung, oder auf Widerspruch, was hierfür dasselbe ist, alsoauf eine Aktion angewiesen. Bleibt ihm verborgen, ob daseine oder das andere in Thätigkeit getreten ist, so entbehrt erjeder Probe, ob er sich umsonst abmüht oder nicht, und das wirkt