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ganz fatal aus seinen Gemüts- und durch diesen auf seinenGeisteszustand. Seine Denkkraft selbst erlahmt unter diesematmosphärischem Druck. Man kann darum sagen, der Parlaments-redner hat eigentlich die Claqne noch nötiger als der Schau-spieler, denn auch hier, wie überall, wirkt der angenehme Scheinnoch ähnlich wie die Wirklichkeit.
Als Mitglied einer größeren Partei hat man den natürlichenVorteil, immer eine Anzahl Genossen um sich zu haben, dieeinem zuhören und, wenn sie nicht ganz apathisch sind, durchZurufe weiter helfen. Aber bei der Passivität des deutschenTemperamentes thut es auch hier not, daß einige sich der Auf-gabe bewußte Leute die thätige Führung dabei übernehmen. Istdie Partei gar noch numerisch schwach, so wird das besonderswichtig. Mit nur ein paar sympathischen Kollegen um sich, diestumm bleiben oder gar zerstreut sind, längere Zeit reden, ist einefürchterliche Ausgabe.
In den Zeiten, wo ich kleineren Fraktionen angehörte, habeich mir immer besonders angelegen sein lassen, solcher Vernach-lässigung vorzubauen. Wie oft habe ich die Kameraden mitMühe aus dem Wandelgang oder dem Frühstückslokal herbei-geholt, wenn einer der unsren zum Worte kam, oder sie zur Ruheverwiesen, wenn sie, statt zuzuhören oder wenigstens zu hören zuscheinen, im Privatgespräche ganz in der Nähe des Redners sichergingen — Unarten, die unglaublich oft vorkamen, wenn einernicht gerade fulminierte oder zu den bevorzugten Sprechern ge-hörte, dem auch die anderen Fraktionen aufmerksam folgten.Ebenso mußte bei solchen Rednern zweiten oder dritten Gradessür das richtige Eingreisen eines „Hört, Hört!" oder „Sehrrichtig!" gesorgt werden, das nicht bloß sür den Moment, sondernanch sür den gedruckten Bericht von Wichtigkeit ist, weil esin diesem das Auge des Lesers, wie immer die Einschaltung„Heiterkeit", ans sich zieht. Mir kam es immer vor, als wenndiese Art von Kameraderie, die zum Geschäft gehört, in denliberalen Parteien am meisten zu wünschen ließe. Vielleicht aberführt mich dabei anch irre, daß man in seiner Nähe die Sachenschärfer sieht und empfindet.
Blimbergers Erinnerungen. 22