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Erinnerungen / von Ludwig Bamberger
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Paris .

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gehen, dem ich bis dahin mißtraut hatte, von dem aber einigeweise Thebaner behaupteten, jetzt sei der Moment gekommen, ihnzu erobern. Die Versammlung war ans den Abend einesWochentags in dem Dorfe angesagt, was an sich schon immer zuden schwierigsten Konstellationen gehört. Es dauerte lange, biseine einigermaßen den Raum süllende Zahl beisammen war. Erwar so niedrig wie möglich und dürstig mit einigen rauchigenPetroleumflammen beleuchtet. Die Bauern in ihren Arbeits-anzügen, gestrickten Wämsern und die Pfeife im Munde be-setzten stumm die Bänke, und nun gings los. Ich übersah natür-lich vom ersten Moment an die Situation und wickelte unterlautlosem Beistand mein Gespinst mit Todesverachtung ab. Alsich geendet hatte, erhob sich der Bürgermeister des Ortes, dermir gegenüber ausgepflanzt war, ein alter, langer, hagerer Bauermit einem, wie aus denFliegenden Blättern" geschnittenen Gesichtzu folgender Ansprache:Was uns Herr Bamberger da gesagthat, ist alles recht gut uud schön; er ist auch ein braver, ordent-licher Mann. Nnn ist er aber schon viermal von unserem Kreisein den Reichstag gewählt worden. Da könnten wir's doch aucheinmal mit einem anderen Abgeordneten probieren, am Endemacht der's noch besser." Sprachs nnd setzte sich nieder, unddas Anditorinm verharrte in derselben Schweigsamkeit. Richtigzeigte sichs auch bei der Wahl, daß wir mit unserem ganzenVorstoß keine Seele gewonnen hatten; die Notabeln des Orteswaren vorher für den Gegner fest gemacht gewesen und blieben es.

Viel heiterer verlies die Sache in einer Erzählung, die mireinst mein verstorbener Freund Karl Mayer von Stuttgart ,genannt das Mayerle, zum besten gab. Um sie mit ihrerganzen Würze wiederzugeben, müßte ich sie natürlich vortragennicht nur mit dem schwäbischen Dialekt, sondern mit dem wahr-haft poetischen Talent, das der treuherzige, vielbegabte, humorvolle,echt württembergische Demokrat bei solchen Gelegenheiten ent-faltete.

Es war in der Zeit der heißesten Kämpfe um die Getreide-zölle. Mayer bereiste das Land, um gegen diese zu wirken.Eines Tags hielt er eine Versammlung in einer ihm sehr zu-gethanen Gemeinde. Er erfreute sich überhaupt im ganzen

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