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Erinnerungen / von Ludwig Bamberger
Entstehung
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Siebentes Kapitel.

Nefftzer selbst war vorurteilslos, und als die große Katastrophevon 1870 eintrat, sah er in derselben nicht nur, wie seine anderenGesinnungsgenossen, eine Folge der kaiserlichen Mißwirtschaft,sondern eine Schnld der ganzen Nation. Er verließ Frankreich nnd hegte anfangs einige Hoffnung auf die Möglichkeit einer fürihn erträglichen Gestaltung der Dinge in Elsaß-Lothringen.

In jener Zeit, kurz nach dem Frankfurter Frieden, als eineAnzahl politisch gebildeter Männer, wie Klein, Bergmann, Schnee-gans, die elsässische Bevölkerung im Bunde mit den damalsstarken deutschen Liberalen in ein friedliches Verhältnis zum Reichhinüberzuführen meinten, interessierte sich auch Nefftzer lebhaft fürdas Problem. Im Lauf des Sommers 1871 gab er Lasker undmir ein Stelldichein in Freiburg , wo der Gegenstand eifrig be-sprochen wurde. Aber bekanntlich mißglückten alle Versuche dieserRichtung. Nefftzer erkannte das bald und zog sich nach Basel zurück, wo er zn kränkeln anfing und im Jahre 1876 starb.

Er war ein bedeutendes journalistisches Talent, ein liebens-würdiger, ernster nnd gründlich gebildeter Mann.

Das Problem, die Elsässer mit ihrem Schicksal zu versöhnen,war ein unlösbares. Die Deutschen haben durch eigne Fehlerviel zum Mißlingen beigetragen, aber es wäre nicht gelungen,auch weun sie Engel vom Himmel gewesen wären. Man kannzwar noch heute von den Altdeutschen im Elsaß sagen hören, dasRegiment Mantensfel mit seiner Schwäche für das französischeElement uud für die katholische Geistlichkeit trüge am meistenSchnld an diesem Mißlingen. Doch halte ich diese Anklage fürwenig begründet. Viel mehr haben diejenigen deutschen Beamtendazu beigetragen, welche glaubten, man müsse durch unbeugsameHärte und herrisches Auftreten den Elsässern ihren französischenDünkel austreiben und sie mit Nuten zn deutschen Patrioten er-ziehen. Doch, im Grunde war weder mit guten, noch mit bösenKünsten etwas zu machen. Das ganze französische Leben mitseiner Gravitation nach Paris , selbst mit seiner, von ihnen nuradoptierten Sprache, war den elsässischen Bürgerkreisen zurlieben Gewohnheit geworden, und da es ebensoviel anziehendeEigentümlichkeiten hatte, wie namentlich das norddeutsche ab-stoßende, so blieb das dem entsprechende Gefühl ausschlaggebend.