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Erinnerungen / von Ludwig Bamberger
Entstehung
Seite
419
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Paris , 419

Geschworenen den Zeugenaussagen Glauben schenkten. Der ganzeProzeß drehte sich nämlich um die Rekoguoszierung der Persondes Thäters. Aus dem ganzen Vorleben des Angeklagten, ausallen Nebeuumstäuden war kein Motiv zu finden. Nur weil eineReihe von Personen ihn bei der That gesehen haben wollte, warder für überführt gehalten. Nachher stellte sich heraus, daß einegewisse Ähnlichkeit des Lesurqnes mit dem wahren Mörder denAusschlag gegeben hatte. Nachdem Lesurqnes verurteilt undhingerichtet war, folgte dann der andere mit dem gleichen Schicksal.

Liest man aber die Zeugenaussageu, so fragt man sich beider Masse von Widersprüchen, in denen sie zueinander stehen, wiedie Geschworenen ihnen Glauben schenken konnten. Selbst überso greifbare Äußerlichkeiten, wie über die Kleidung, die der Mörderbei der That getragen haben sollte, gehen die Aussagen gröblichauseinander.

Meiner Überzeugung nach ist die Zahl der vor Gericht un-schuldig Verurteilten viel größer, als man annimmt, besondersaber da, wo die leider auch auf Deutschland übergegangene fran-zösische Methode der staatsanwaltlichen Verfolgung eingebürgertist. Dieses perverse Herkommen, wonach der Staatsanwalt einenEhrenpunkt hineinlegt, ein Schuldig zu extrahieren, statt nach derobjektiven Wahrheit zu suchen, ist eine der Hauptquellen derScheußlichkeit ungerechter Verurteilungen. Eiue andere Quelleist die Kritiklosigkeit der Geschworenen und auch der Richtergegenüber den Zeugenaussagen.

Die Mehrzahl der Zeugen sind Menschen von geringer Bil-dung. Je weniger das Denkvermögen eines Menschen ausge-bildet ist, desto weniger giebt er sich Rechenschaft über die Schwierig-keit, einen von ihm erlebten Vorgang genau zu kontrolieren undferner sich desselben nach einiger Zeit genau zu erinnern. Einscharf denkender, sich selbst beobachtender Mensch wird vor derAussage über solche Begebenheiten, namentlich wenn er weiß,welche furchtbare Verantwortung damit verbunden ist, aufs pein-lichste mit sich ins Klare zu kommen suchen, wogegen die großeMehrzahl sich über solche Bedenken mit oberflächlicher Selbst-täuschung hinwegsetzt. Das englische Kreuzexaminieren ist dahervollberechtigt. Wo nicht die ganz ungebundene Bedrängung des

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