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Erinnerungen / von Ludwig Bamberger
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Siebentes Kapitel.

kaum darin von ihnen. Zeugen, die entlasten wollten, wurdenso hart augefahren uud iu Verwirrung gebracht, daß sie nichtmehr mit ihrer wahren Überzeugung herauszukommen wagten;die Schlußresumes des Vorsitzenden waren oft eine Wiederholungder Anklage.

Zu der Zeit, während der ich am Gerichte in Mainz diente, wares darin nicht besser bestellt. Natürlich hatte man, wie ich schonberichtet habe, die Überlieferung aus der französischen Kaiserzeitfestgehalten. Einzelne Präsideuten waren wirklich Wüteriche, dieSchrecken um sich verbreitete». Es giebt Staatsmäuuer uudJuristen, welche in der Möglichkeit der Verurteilung Unschuldigerdas kleinere Übel sehen znm Heile des großen Ganzen. Ichkann mich dieser Staatsraisou nicht aubequemeu, souderu findeden Justizmord ob er uun wörtlich mit einer Hinrichtungoder mir mit eiuer Freiheitsstrafe sich vollziehe das größteÜbel, das eine gesellschaftliche Ordnung treffen kaun. Keiue un-bestrafte That verdient so schwer anf dem Gewiffeu der öffent-lichen Ordnung zu lasten, wie die Grausamkeit einer ungerechtenVerurteilung. Alle späteren Rehabilitationen, au sich schou soschwer durchzusetzen und daher so selten, sind eine elende Sühnefür solche Mißhandlungen. Wer kann einem Unglücklichen dieFolterqnalen solcher erlittenen Schmach wieder abnehmen? Ist esdoch schon so mit der Untersuchungshaft!

Rohe Zeiten, die für Leben uud Freiheit der Meufchen über-haupt keiueu Sinn hatten, haben ihre Hartherzigkeit in die Pro-zeduren unserer Justiz uud Polizei hineinvererbt, uud währendnach allen Richtungen hin soziale Fragen znr Lösung aufgeworfenwerden, finden diese einfachen Verbefseruugen zu Ehren von Ge-rechtigkeit uud Humanität nur weuig Gehör. Was wäre uichtüber die barbarische Behandlung politischer Gefangenen in Deutsch-land zu sagen, bei denen alles, was sie vom gewöhnlichen Ver-brecher unterscheidet, so brutal ignoriert wird!

Aber ich will zn meinem Freund Ulbach zurückkehren. Wiein seinem Wesen so auch in seiner änßeren Erscheinung war keineSpur seiner deutschen Abstammung zu entdecken. Er sah genanans wie ein echter, wohlgenährter französischer Geistlicher, breit,rnnd, fett, mit glattem dnnklem Haar, einem Doppelkinn, muutern,